Dänischer Autor Sophus Claussen zu entdecken

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Sophus Claussen

Von Ralf Stiftel ▪ Der Mann versteht es, einer Frau zu schmeicheln: „Ich werde Ihr Brautbett richten – auf einem Stern“, sagt Silvio der jungen Französin. „Wenn ich um Ihretwillen handle, bin ich allmächtig. Sie sollen am Himmelsgewölbe wohnen und an allen Wänden Mandolinen haben.“ Ja, Sophus Claussen liebte schon während seines Studiums in Kopenhagen die Damen mehr als die juristischen Paragraphen. In Paris aber, da ging sein Leben richtig ab.

Der dänische Poet (1865–1931) gilt heute als einer der wichtigsten Autoren seines Landes um die Jahrhundertwende. Tania Blixen verehrte ihn: „Er ist von allen dänischen Dichtern der einzige, der frei ist.“ Und doch kennen die deutschen Leser ihn nicht. Was das Buch „Antonius in Paris/Wallfahrt“ ändern soll. Diese erste deutschsprachige Ausgabe eines seiner Werke ermöglicht die Begegnung mit einem charmanten Bruder Leichtfuß, dessen 1896 erstmals erschienener Doppelroman nichts von seiner Leichtigkeit verloren hat.

Claussen war der Sohn eines Aufsteigers: Sein Vater war Landwirt, gründete aber um 1870 eine Zeitung und machte auch eine politische Karriere. Materielle Nöte kannte der junge Autor nicht, war ein Bummelstudent, ließ sich mit Varietétänzerinnen ein, mal verlobte er sich mit der Tochter eines Handwerksmeisters. Und 1892 ging er nach Paris, wo der erste Teil des Buchs entstand. Später bereiste er Italien, wo er eine Frau kennen lernte, die im Buch als Signora Clara auftritt und mit der er offenbar eine heftige Affäre hatte. Bis er sie verließ, nach Dänemark zurückkehrte und heiratete, die Handwerkerstochter, von der er sich doch damals getrennt hatte.

Die beiden zusammenhängenden Romane enthalten also viel von Claussens Leben. Eine richtige Handlung bieten sie nicht, sie bestehen aus einer Mischung verschiedener Textsorten, und gerade die eigenartige Poesie von Momentaufnahmen und Eindrücken, macht ihren Reiz aus. Zwischen die Kapitel sind Gedichte eingeschoben. Da gibt es Feuilletons wie das von der „blutenden Rose“: Der Held lernt eine junge Frau kennen, die ihn „als gute Französin … in ihre Sprache einweihen“ möchte, in ihrem Hotel natürlich. Ein anderer Gast des Cafés will ihr den Hut rauben, die Scheibe der Kutsche zerbricht, die Rose schneidet sich, blutet. Claussen hält den Leser in einem wundervollen Ungefähr, doppeldeutige Wendungen und Andeutungen laden die oberflächlich harmlose Erzählung erotisch auf. So führt er seine Leser durch die Metropole an der Seine. Er schildert die Begegnung mit dem großen Paul Verlaine, dem König der Pariser Poeten, der in Lumpen gekleidet in die Cafés tritt, wo ihn alle als „notre père“ und „cher maître“ anreden und der eifrige Rotbart Bibi ihm den Dreck vom Mantel wischt und um Bruderküsse bettelt. Und er erzählt das bitterböse schwarze Märchen der beiden Schwestern von Montmartre, von denen die junge die Liebe sucht, aber die alte ans Ziel kommt, an die Goldbeutel des Prinzen.

Aus der Großstadt flüchtet der Protagonist, der die Namen ebenso oft wechselt wie die Stilmittel, nach Italien, aus Antonio wird Silvio. Aber noch immer hat er ein deutliches Weltbild: „Jede Italienerin ist wie der Entwurf zu einer Madonna.“ Wir erleben ein Gedicht, in dem Silvio mit Dante einen Fahrradausflug unternimmt (wobei Dante hier einen Kellner bezeichnet). Und er begegnet endlich Signora Clara, die von einer älteren Schweizerin begleitet wird, einer Anstandsdame, die erst abgeschüttelt sein will.

Sophus Claussen: Antonius in Paris/ Wallfahrt. Deutsch von Peter Urban-Halle. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz. 432 S., 26 Euro

Quelle: wa.de

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