Corinna Harfouch in Tschechows „Die Möwe“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen

+
Irina (Corinna Harfouch) beansprucht Trigorin (Alexander Khuon) für sich. Szene aus dem Stück „Die Möwe“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–Dünnhäutig und sensible wirkt der junge Konstantin, obwohl gerade er viel Mumm braucht, um seine Theatervision zu verwirklichen. Jirka Zett lädt die tschechowsche Bühnenfigur mit der Energie eines Menschen auf, der auf jede Gemeinheit gefasst sein muss. Der junge Darsteller vom Deutschen Theater Berlin gibt in dem Stück „Die Möwe“ den verletztlichen Enthusiasten, dem die Kunst alles ist, wenn es nicht noch die Liebe gebe. Jirka Zett spielt fiebrig, verstörend, fasst immer am Abgrund.

Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen war die zweite Inszenierung von Jürgen Gosch zu sehen. Der Theaterregisseur hatte 2008 mit seinen Tschechow-Bearbeitungen überzeugt. Nach „Onkel Wanja“ mit Ulrich Matthes und Constanze Becker nun also „Die Möwe“ mit Corinna Harfouch im Festspielhaus. Auch nach Goschs frühen Tod (2009) bleiben die Tschechow-Inszenierungen im Repertoire des Deutschen Theaters in Berlin Höhepunkte.

Corinna Harfouch spielt Konstantins Mutter, die Schauspielerin Irina, die das Gut ihres Bruders Pjotr, dem kauzigen Optimisten (Christian Grashof), im Sommer besucht. Selbstverliebt und mit vereinnahmendem Gestus zieht Irina die Blicke auf sich. Harfouch bietet das Porträt einer Grande Dame, die bis zum Äußersten geht, um ihre Illusion von einer bedeutenden Künstlerin in der russischen Provinz zu halten. Dabei verschmäht sie das Theater ihres Sohnes, um ihn kurz darauf mit mütterliche Emphase in seiner Verzweiflung zu stellen. Laut und lang wird gestritten, bis die Gegensätze in einer magischen Stille implodieren, die melancholische Momente schafft.

Wieder – wie bei „Onkel Wanja“ – sind alle Darsteller die meiste Zeit auf der Bühne. Das polychrome Grau der Rückwand und das warme Licht (Bühne/Licht: Johannes Schütz, Wolfgang Schürmann) sind minimalistische Mittel, die einen auf Figuren und Sprechduktus fokussieren. Die Handlung bleibt Hintergrund. Wie Kathleen Morgeneyer die Nina gibt, die Konstantins Textfläche naiv und absichtsvoll spielt, ist fremd wie berückend zugleich. Nina wird seiner Liebe nicht nachgeben und an ihrer zum Schriftsteller Trigorin zerbrechen. Irina (Corinna Harfouch) holt ihn sich in einer hysterischen Eifersuchtsszene zurück. Sie hängt sich bis zur Selbstaufgabe an ihn, brüllt, klagt und lässt ahnen, wie körperlich abhängig beide von einander sind. Alexander Khuon spielt Trigorin als Zeitgeistschreiber, der sich lenken lässt – mutlos.

Sehr ergreifend sind die Krisen, in denen die Liebe zur Lebenslast wird, weil die Paare sich nicht finden. Mascha (Meike Droste) ist unnachgiebig rebellisch, Polina (Simone von Zglinicki) bärbeißig, Nina stoisch verloren, und Konstantin greift zum Gewehr, mit dem er zu Anfang die Möwe traf.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare