„Co-Mix“: Museum Ludwig zeigt Art Spiegelman

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Das „Selbstporträt mit Maus-Maske“ schuf Art Spiegelman 1989 für The Village Voice. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–So hat vor ihm keiner den organisierten Mord an den Juden gezeigt: Verhärmt dreinblickende Mäuse hinter Stacheldraht, in gestreifter KZ-Kleidung, bedrängt von uniformierten Katzen mit Stahlhelmen. Art Spiegelman eröffnete 1972 dem Medium Comic neue Ausdrucksformen mit der dreiseitigen Geschichte, die auf Erzählungen seines Vaters beruhte und die Geschichte der Shoah mit Tierfiguren schilderte. Sie erschien im Underground-Comic-Magazin „Funny Animals“.

Nun ist Spiegelmans Kunst im Kölner Museum Ludwig zu sehen, in der Ausstellung „Co-Mix. Eine Retrospektive von Comics, Zeichnungen und übrigem Gekritzel“. Konzipiert wurde die Schau für den Comic-Salon im französischen Angoulême, wo der Künstler für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Köln ist die einzige deutsche Station.

Mit „Maus“ brach Spiegelman ein Tabu. Bis dahin galt die Shoah als ungeeignet für einen Comic, zumal einen, der Menschen in Tiergestalt zeigte: Die Juden als Mäuse, die Deutschen als Katzen, die Polen als Schweine. Einzelne Kritiker warfen ihm vor, damit rassistische Stereotypen zu benutzen. Aber er setzt diese Bildlichkeit bewusst ein, um Motive der NS-Propaganda zu brechen, die etwa im Film „Der ewige Jude“ das Bild huschender Rattenhorden auf die Juden zu projizieren. Erst 1978 begann der Zeichner mit der Arbeit an der Buchversion. Der erste Band von „Maus“ kam 1986 heraus und gewann zahlreiche Preise, darunter als erster Comic den Pulitzer-Preis (1992). 1991 zeigte das New Yorker Museum of Modern Art seine erste Comic-Ausstellung – über „Maus“. In Köln ist der Strip als eine Art Wandfries zu sehen. Über und unter die Comic-Bilder sind Skizzen und Entwürfe gehängt, so dass man die Geschichte verfolgen und parallel Spiegelmans skrupulöse und detailversessene Arbeit studieren kann. Der Zeichner hat ja die ernsthafte Graphic Novel nicht erfunden, es gab vorher schon die Arbeiten von Will Eisner und die Manga-Erzählung von Keiji Nakazawa über den Atombombenwurf auf Hiroshima, 1975 in Japan erschienen. Trotzdem überschritt Spiegelman Grenzen, thematisch und formal.

Aber man sollte den Künstler nicht auf dieses Werk reduzieren. Spiegelman wurde 1948 in Stockholm als Sohn polnischer Juden geboren, die die Todeslager der Nazis überlebt hatten. Als er drei Jahre alt war, emigrierte die Familie in die USA. Mit zwölf zeichnete er erste Comics. Er studierte Kunst und Philosophie und begann 1966, Underground-Comics zu publizieren, die an Arbeiten von Robert Crumb und Gilbert Sheldon erinnern.

Im selben Jahr übernahm er eine Stelle als Kreativberater der Kaugummi-Firma Topps, für die er Sammelbilder und andere Motive entwarf, die einerseits mit Ekel spielten, andererseits die Konsumwelt veralberten. Bis 1989 arbeitete Spiegelman hier, und die ausgestellten Beispiele sind zwar kindgerecht schlicht, aber nicht ohne subversive Anmutungen. Da grüßt ein Hippie mit Victory-V, da tropfen Nasen und klebt Schleim, da räkelt sich auf dem Sammelbildtütchen eine sexy Schabe als „Playbug“. Das ist ganz nah an der Haltung der Comics aus Spiegelmans frühen Jahren. Ein herrlich albernes Titelbild der „Short-Order-Comix“ von 1973 zeigt eine Krabbe in Jackett im Fast-Food-Restaurant, die eine stämmige Kellnerin mit Kippe im Mundwinkel fragt: „Pardon me, Miss... Do you serve crabs here?“ Was ebenso bedeutet „servieren Sie Krabben“ wie „bedienen Sie Krabben“. Spiegelman hat lange Humor trainiert, ehe er sich an die ernsten Themen machte. Vieles davon ist sexuell explizit.

Die Kölner Ausstellung breitet mit mehr als 250 Exponaten ein ausgesprochen vielseitiges Werk aus. So sieht man Kinderbücher und Umschläge für eine deutsche Ausgabe der Romane von Boris Vian. Spiegelman ist zudem ein Meister des grafischen Essays, setzt sich mit Vorbildern wie Charles M. Schultz auseinander, zeichnet mit Maurice Sendak eine Bildgeschichte darüber, wie grausam Kinderbücher sein dürfen. Von 1993 bis 2002 liefert er Titelentwürfe für den „New Yorker“. Gleich der erste war eine Provokation: Zum Valentinstag zeigte er einen Rabbi, der eine schwarze Frau küsst. Zum Schulbeginn 1993 zeichnet er Schüler mit Maschinengewehren, die „Guns of September“. Und die Lewinsky-Affäre kommentiert er mit dem Bild eines Präsident Clinton, dem Reporter die Mikrophone vor den Hosenschlitz halten.

Katastrophen aber lösen bei Spiegelman offenbar Kreativitätsschübe aus. Vom Terroranschlag vom 11. September 2001 war er unmittelbar betroffen: Seine Tochter besuchte eine Schule in unmittelbarer Nähe zum Ground Zero. Er kommentierte die Ereignisse zunächst mit einem stillen Titel für den New Yorker, der schwarz auf dunkelgrau die Schatten der zerstörten Türme zeigt. Dann aber begann er mit der Arbeit an „Im Schatten keiner Türme“, einer apokalyptischen Bildfantasie über die Katastrophe und die folgenden Ereignisse.

Art Spiegelman: Co-Mixim Museum Ludwig, Köln. Bis 6.1.2013, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 26 165, http://www.museum-ludwig.de,

Katalog (engl./frz. Mit dt. Beiheft) 30 Euro

Quelle: wa.de

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