Claudia Bauer ironisiert Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“

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Wenn zwischen Mann und Frau alles durcheinander gerät: Friederike Tiefenbacher, Carlos Lobo, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Frank Genser und Merle Wasmuth in „Szenen einer Ehe“ in Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Sie tragen Schafsmasken. Eine steht am Bügelbrett. Einer sitzt auf dem Sofa, zwei seltsame Stoffwürste mit Ohrenpuscheln in den Armen. Dahinter steht einer und holt mit einem altmodischen Schnurtelefon zum Schlag aus. Eine geht durch den Wandschrank ab, eine rückt nach. Eine Art Reise nach Jerusalem durch ein spießiges Familienleben. Eine geistlose Schafsherdenexistenz. „Szenen einer Ehe“ am Schauspiel Dortmund.

Ingmar Bergmans Film ist sprichwörtlich. Die Regisseurin Claudia Bauer hat das Beziehungsdrama in einen satirisch überzeichneten Bühnenabend übersetzt. Das Paar Johan und Marianne erscheint vervierfacht. Und aus dem Zerbrechen des Glücks wird ein Reigen zwischen Slapstick und Tragödie.

Bergman hat seinen Stoff 1973 als sechsteilige Serie für das schwedische Fernsehen gedreht, mit Liv Ullmann und Erland Josephson. Am Anfang wird ein harmonisches Mittelklasse-Ehepaar interviewt, das die perfekte Beziehung lebt. Johan Naturwissenschaftler, Marianne Anwältin für Familienrecht, zwei Kinder. So glücklich, dass Marianne fragt: „Ist Problemlosigkeit ein Problem?“ Dabei bleibt es nicht. Johan bandelt mit der Studentin Paula an, es gibt Eifersucht, Streit, Scheidung – und am Ende eine seltsame Versöhnung, als beide mit neuen Partnern verheiratet sind.

Die komische Fallhöhe entwickelt Bauer mit verschiedenen szenischen Techniken. Das anfängliche Interview führen die acht Akteure als fast schon antiker Chor auf. Johans großes Ego wird gleich untergraben, wenn vier unterschiedliche Männer sich im Gleichklang anpreisen als „erfolgreich, jugendlich, ausgeglichen, sexy“. Das Individuum wird zum Typus. Mit Masken spielen vier Darsteller eine Art Schnelldurchlauf von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, wobei die einen nur die Gesten ausführen, während die übrigen vier an der Bühnenseite das Geschehen live synchronisieren, Knutschgeräusche und Schläge eingeschlossen. In anderen Szenen wechseln sie von Satz zu Satz den Sprecher. Und dann gehen sie einzeln oder zu zweit auf die Toilette und werden per Video eingeblendet mit Kommentaren zu ihrer Befindlichkeit: Das RTL-Dschungeltelefon lässt grüßen. Solche Momente schaffen Distanz und nehmen dem Stoff Bergmans existenzielle Schwere.

Zugleich stellt die Inszenierung das Geschehen auf eine breitere Basis. Wenn Sebastian Kuschmann dem Johan eine gewisse Macho-Wuchtigkeit verleiht, Carlos Lobo dann mit der Ukulele den Latin Lover hinlegt und „Besame Mucho“ singt, wenn Uwe Schmieder eher lässig daherkommt und der softe Frank Genser mittendrin in die Rolle der Marianne wechselt, zeigt das Facetten der Männlichkeit, die man mit einem Darsteller allein nicht herausarbeiten könnte.

Ähnlich bei den Frauen: Julia Schubert explodiert in Wutausbrüchen, während Merle Wasmuth melancholisch mit dem Country-Song „Jolene“ darum bettelt, ihren Mann behalten zu dürfen. Später wechselt sie in Johans Rolle. Friederike Tiefenbacher übt sich in halsbrecherischen Sex-Posen, und Bettina Lieder bietet häuslich an, eine Kleinigkeit zu essen zuzubereiten.

Das Ensemble meistert die Herausforderungen souverän. Stimmungswechsel im Sekundentakt, das Übernehmen des Text-Staffelstabs, dann noch Gesangs-Einlagen, neben dem durchdachten Soundtrack des DJs Smoking Joe. Wenn Kuschmann klagt, dass es mit der Auslandsprofessur nicht klappt, tröstet ihn der Rest der Truppe kollektiv. Am Ende gibt es erst die große Keilerei mit Kunstblut und dann ein Gruppenkuscheln, während die Souffleuse den Resttext vorliest.

Den grauen Geschlechterkampf der 1970er Jahre frischt Bauer zu einer viel bunteren und optimistischeren menschlichen Komödie auf. Beziehungskrisen sind beim Anschauen nicht zu befürchten.

2., 21.12., 9., 25.1., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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