Claudia Bauer inszeniert in Dortmund „Welt am Draht“ nach Fassbinder

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Ein Jedermann endet als Supermann unter Schaufensterpuppen: Frank Genser als Fred Stiller in der Bühnenversion von „Welt am Draht“ am Theater Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Hier zappeln die virtuellen Marionetten von Anfang an am Draht derer „da oben“. Immer wieder leiert das Liefermädchen in Rosa ihren Spruch: „Hat irgendwer Käsekuchen bestellt? ... Hat irgendwer ...?“ Die Sekretärin bietet penetrant an: „Kaffee?“ ... „Kaffee?“ ... Fred Stiller hat ganz andere Probleme, und so antwortet er ebenso unermüdlich „Ich will nicht... Ich will nicht ... Ich will nicht...“ Bis ihm die Puste ausgeht bei „Ich will“ und er das Getränk annimmt. Sie staksen über die Bühne wie Zombies. Sie wiederholen Bewegungen und Sätze. Sie stolpern und wanken. Und manchmal scheint sie eine unsichtbare Kraft von der Bühne zu ziehen wie Günther Lause, der schreiend unterm Vorhang rechts verschwindet.

Dass etwas nicht stimmt, ist in Claudia Bauers Inszenierung von „Welt am Draht“ am Theater Dortmund unübersehbar. Und es wäre ja auch vermessen, den Realismus der Filmvorlage für die Bühne anzustreben. Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm machte schon 1973 eine virtuelle Wirklichkeit zum Thema, lange bevor Hollywood „Matrix“ drehte. Der Held Stiller arbeitet im „Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung“ am Projekt „Simulacron“ mit. In Rechnern gibt es eine virtuelle Welt mit 10 000 Bewohnern, die nicht wissen, dass sie von „oben“ gesteuert werden. Mit dem Programm kann man vielleicht voraussagen, welche Produkte in 20 Jahren gebraucht werden. Der korrupte Institutsleiter Siskins verhandelt bereits mit der Vereinigten Stahl AG. Was er nicht weiß: Auch seine Welt ist nur eine Simulation. Vollmer hat das herausbekommen und wurde von denen da oben ausgeschaltet. Das musste so geschehen, dass seine virtuellen Kollegen nichts merken. Stiller kommt den Manipulationen auf die Spur – und schwebt nun selbst in Lebensgefahr.

Schon Fassbinder fehlten die Mittel der modernen Computeranimation, so dass seine raffinierte Geschichte heute seltsam altmodisch aussieht, den Retro-Charme von alten Enterprise-Folgen ausstrahlt, mit ratternden Rechnern, die ganze Zimmer füllen, und digitalen Zahlen der ersten Generation. Die Dortmunder Inszenierung setzt ganz auf die szenische Übertreibung, zum Beispiel in greller Schminke, weißen Masken, übertrieben künstlicher Gestik, Mimik und Betonung. Wenn Siskins sich mit Stiller berät, treten Ekkehard Freye und Frank Genser vorn an die Rampe und strecken den linken Arm vor. Der Kommissar (Uwe Schmieder) kommt im Trenchcoat daher und läuft vornübergebeugt wie die Figur aus einem Monty-Python-Film. Wenn Vollmers Tochter Eva (Bettina Lieder) Auto fährt, trägt sie eine Limousinen-große, bemalte Pappscheibe vor sich her. Und die künstliche Welt im Simulacron ist eine Art Kasperle-Theater, in dem Schauspieler mit Pappmasken herumzappeln (Bühne: Bernd Schneider).

Diese szenischen Mittel sind Theatergängern in Dortmund bereits vertraut. Aber in Fassbinders Techno-Thriller bringen sie die Würze der Ironie, ohne die Geschichte zu verraten. Die Autofahrt durch den Schnee, bei dem die künstlichen Flocken nach und nach durch zerknüllte Zettel ersetzt wird, auf denen Stiller dann beim Glattstreichen das Wort „Schnee“ findet, und am Ende die Tafel mit der Aufschrift „Es schneit“ sind hübsche Verbildlichungen für einen Programmierfehler.

Die Schauspieler müssen überzeichnen, dick auftragen, und sie lösen das mit Bravour. Frank Genser gibt dem Stiller eine feine Durchschnittlichkeit mit, was zu einem Chefprogrammierer besser passt als die ausgestellte Körperlichkeit des Fassbinder-Darstellers Klaus Löwitsch. Genser ist ein Jedermann-Nerd, kein Kämpfer, und seine hysterischen Ausbrüche am Ende haben nach all der Verfremdung den Witz der Natürlichkeit. Wunderbar bizarr sind auch Björn Gabriel als Techniker Fritz, Uwe Schmieder als Psychologe in Frauenkleidern und Bettina Lieder als verführerische Eva.

Die Erstaufführung der Theaterfassung folgt weitgehend der Filmvorlage. Nur Richard Sandersons Song „Dreams Are My Reality“ gab es 1973 noch nicht. Die Swingversion zum Ausklang suggeriert zum Happy End charmant die Idee, dass auch wir nur Figuren einer virtuellen Realität sein könnten.

Welt am Draht am Theater Dortmund. 5., 8., 13., 15., 16., 28.6., 5., 13.7.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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