Max Claessen inszeniert Falk Richters „Je suis Fassbinder“ in Münster

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Unten das Darstellerkollektiv, oben läuft der Film: Szene aus „Je suis Fassbinder“ am Theater Münster, oben Ilja Harjes als Ilja.

MÜNSTER - Diese Laborsituation in einem Apartment mit offenen Wänden ist wahrlich ein Stück zur Stunde. Ätzend scharf legt Falk Richter in „Je suis Fassbinder“ die Verunsicherung der Gesellschaft frei. All die Leute, die sich nicht mehr auskennen zwischen den Verheißungen der Demokratie und der Sehnsucht nach einer starken Führung. Das Schauspiel in Münster startet mit einer politischen Setzung in die Spielzeit.

Dabei ließ sich Richter inspirieren von Rainer Werner Fassbinders Beitrag zum Film „Deutschland im Herbst“, der 1977 ebenfalls auf eine tief verstörte Gesellschaft reagierte. Damals war es der Terror der RAF. Fassbinder drehte einen Dialog von sich mit seiner Mutter, die er zum Geständnis verlockte, für sie wäre das Beste ein Diktator, der lieb ist und artig. Aus diesem Moment entwickelt Richter ein überaus vielschichtiges Stück, eben eine Versuchsanordnung, die Parallelen zu heute zieht. So lautet der Untertitel „Deutschland im Herbst 2016“. Max Claessen inszeniert stilsicher und pointiert.

Die Bühne (Ausstattung: Ilka Meier) ist ein Apartment mit Bad und Schlafzimmer, mit dauerlaufendem Fernseher und Küchenzeile. Das Publikum im Kleinen Haus sitzt auf beiden Seiten dieser Bühne. Darin agieren fünf Schauspieler, die alle unter ihren wirklichen Namen auftreten. Ilja Harjes spielt einen Regisseur, der ein Drama um Fassbinder geschrieben hat und nun inszenieren will. Darum wuselt Kameramann Sven Stratmann zwischen den Figuren durch und nimmt manchmal Details der Einrichtung auf wie einen Spiegel-Titel oder eine Topfblume, manchmal aber auch Claudia Hübschmann in der Badewanne oder ein Paar im Nebenraum, das man sonst nicht sähe, das nun aber auf der großen Leinwand über der Szene erscheint.

Das erzeugt ganz schöne Brechungen, wenn der bärtige Garry Fischmann, der Fassbinders Mutter verkörpert, „Ilja“ sagt, und Harjes ihn anschnauzt: „Rainer!“ und dann kommandiert „Zurück!“, und dann wird eine Passage wiederholt. Bis hin zum hörbaren Einsatz der Souffleuse spielt dieses Stück mit Selbstreflexivität, mit Schein und Sein. Ilja Harjes gibt den Regisseur, der an den Unzulänglichkeiten seiner Mitstreiter verzweifelt, er ist die Figur „Ilja“ in dem Film, den er „dreht“, und manchmal ist er auch noch Fassbinder, der Originaltext aus dem alten Film spricht. Und auch die anderen agieren auf mehreren Handlungsebenen, so dass sich immer wieder Sinnscheren öffnen zwischen banalen Alltagsaktionen wie einer immer kindlicheren Mahlzeit mit Spaghetti und Debatten, in denen Ilja, Garry, Claudia, Jonas Riemer und Natalja Joselewitsch die Verstörtheiten der Gegenwart austragen. Immer wieder geht es um die Silvesterereignisse von Köln, um die „Migrantenflut“, und refrainartig werden Sätze wiederholt wie „Merkel lässt alle rein“ und „Ich will einfach nur Ruhe“. Welche bösen Geister setzt der Terror frei, auf den sich der Stücktitel mit seiner Parallele zum Slogan „Je suis Charlie“ nach dem Anschlag auf das Satireblatt Charlie Hebdo bezieht?

Das ermöglicht Distanz zu den Kreisen, in denen sich solche Diskurse immer bewegen. Wenn Garry als Mama Fassbinder von den Horden von Vergewaltigern greint und Ilja beschwichtigt, dass es „nur“ drei Vergewaltigungen gab in jener Silvesternacht und dass es im Karneval bestimmt auch sexuelle Übergriffe gibt, nur dass dann nicht davon geredet werde. Da kommen die Denkmuster der Linken kaum weniger klischeehaft rüber als die der „verunsicherten Bürger“. Es ist eine Gratwanderung: Mal kalauern sie „Petry Heil“ über die Noch-Vorsitzende der AfD. Mal führt der nackte Jonas Riemer einen „Schwanztanz“ auf. Am Ende löst Ilja alles auf in einem Monolog über Fassbinder, über Europa, über geschürte Paranoia und die Wiederkehr des Rechtsextremismus.

Das hat in Münster die nötige Wucht und Verspieltheit. Das Ensemble setzt die bestimmt nicht einfache Vorlage souverän um, besonders Harjes schaltet blitzschnell und überzeugend um von kalter Analyse auf böse Arroganz, aber auch Weinerlichkeit. Das ist nicht nur ein szenischer Essay zur Filmgeschichte, sondern ein Spiel, das sich gerade auch im Ausleben von Freiheit beweist, in Momenten von Zärtlichkeit, aber auch, wenn die Männner Claudia anheben, auf den Kopf stellen und unter der Decke lang laufen lassen.

22., 29.9., 4., 7., 11., 13., 19., 27.10., Tel. 0251/ 5909 100, www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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