Christoph Worringer im Landesmuseum Münster

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Anschwellende Trauergefühle, dargestellt von 27 Doppelgängern des Künstlers: Christoph Worringers Gemälde „Geleit“ (2009), zu sehen im Westfälischen Landesmuseum.

MÜNSTER – Nicht weniger als 27 Mal tritt der Künstler selber auf in seinem monumentalen „Geleit“. 4,80 Meter breit ist Christoph Worringers Gemälde von 2009, und es schildert eine Trauergesellschaft, die den Sarg zum Grab trägt. Fahnen tragen sie mit dem Rot eines Altmeisters, von El Greco vielleicht, dessen „Begräbnis des Grafen von Orgaz“ Worringer auch als Inspiration nennt, neben Courbets „Begräbnis in Ornans“ und weiteren Bildern. Ehe der 1976 in Krefeld geborene Künstler zu malen beginnt, informiert er sich. Schaut in die Tradition. Und arbeitet ein, was ihm brauchbar erscheint. Von Ralf Stiftel

Auch wenn das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster umgebaut wird, zeigt es Kunst. Von Sonntag an präsentiert es den gerade 33-jährigen Maler mit seiner ersten großen Museumsausstellung von 60 Gemälden und Zeichnungen. Die Kuratoren, Museumsdirektor Hermann Arnhold und Erich Franz, sparen nicht mit Lob, halten Worringer, der an der Akademie in Münster studierte, für einen der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler. Das verwundert nicht, wenn man beispielsweise den Kurswert der Leipziger Malerschule betrachtet, mit der Worringer zwar oft in Verbindung gebracht wird, aber zu der er sich bestimmt nicht rechnet. Figurative Malerei hat Hochkonjunktur.

Worringer ist kein Realist, auch wenn man Gegenstände und Personen auf seinen Bildern identifizieren kann. Er sieht sich als Konzeptkünstler und als Collagisten, und neben den Meistern der Renaissance sieht er als Vorbild Marcel Duchamp. Schon die Häufigkeit, mit der sein markantes, schmales Gesicht auftaucht, sollte Warnsignal genug sein. Die gemalten Figuren werden nicht porträtiert, sie posieren in Rollen. Meistens sind sie zudem blind, mit pupillenlosen Augen. Das „Geleit“ zum Beispiel lässt sich wie eine Geschichte von links nach rechts lesen. Anfangs ist die Gesellschaft noch ruhig, doch am Sarg eskalieren die Emotionen, und an der Grube reagieren die Trauernden dramatisch.

Der Künstler greift zu den tradierten, großen Gesten im Repertoire der Malerei. Der Betrachter freilich sollte ihm nicht zu sehr auf den Leim gehen. Was anfangs wie eine geballte Ladung an Melancholie und Pathos wirkt, hat durchaus seine komischen Untiefen und versteckten Pointen. So gibt es eine Fülle von Anspielungen aus der Pop- und Medienkultur wie das gelbe Absperrband „Crime Scene Do Not Cross“, das man in US-Krimiserien findet, oder Comic-Superhelden. „Frühstück“ (2007) zitiert natürlich Manets „Frühstück im Grünen“. Aber es ist keine schöne Nackte zu sehen, sondern nur bekleidete Doppelgänger des Künstlers. Der Stehende gähnt, man reicht sich eine Bierflasche. Wenn der Blick aber in den Hintergrund wandert, entdeckt er im vermeintlichen Idyll nackte, tote Körper und Werkzeug. Vielleicht pausieren gerade Totengräber nach einer Nachtschicht. Worringer steckt eine makabre Pointe in sein Werk, aber es erschöpft sich auch nicht im makabren Scherz. Die Toten lassen eben auch andere, historische Leichenberge anklingen.

Ein weiteres Bild, „Die“ (2006), zitiert eine historische Ikone, das Zeitungsfoto des 1977 von der RAF entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Außerdem gibt es einen Mann mit einem Gürtel voller verkabelter Farbtuben, einem Sprenggürtel der Malerei. Ein Mann in Mönchskutte hält ein Tuch, das dem Grabtuch von Turin gleicht, aber statt des Vera ikon die Züge Worringers trägt.

Worringer erzählt in seinen Bildern hermetische Geschichte, die nicht aufgehen. Zugleich arbeitet er mit delikatestem Handwerk. Alle Objekte, die er malt, baut er vorher, sei es Pappmasken, kleine Steckfiguren oder auch den Sarg. Einige seiner Requisiten sind in der Schau zu sehen. Und er bricht seine Bilder mit visuellen Paradoxa, mit Realitätslöchern, so dass ein Baumast einen „Aussetzer“ hat, aber das Ende trotzdem gerade in der Luft steht, als hätte es Verbindung zum Stamm. Maßstäbe stimmen nicht, die Welt in den Bildern trotzt zuweilen den Naturgesetzen. Worringer liebt es, zu zeigen, was nur die Malerei kann – ganz im Sinne der Renaissance. Im hinterlistigen Spiel zwischen Wirklichkeit und Virtualität zeigt er die Aktualität des alten Mediums Malerei auf.

Bis 30.5., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0251 / 59 07 01, www. landesmuseum-muenster.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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