Christoph Rinke spielt in „Nipplejesus“ in Münster

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Gepackt von der Kunst: Christoph Rinke in der Münsteraner Inszenierung von „Nipplejesus“.

Von Anke Schwarze Münster - Während des ganzen Stücks bleibt das verhüllte Rechteck im Hintergrund ein Rätsel. Erst am Schluss wird Museumswärter Dave das Tuch herunterreißen. Zum Vorschein kommen Drähte, kreuz und quer gespannt in einem Rahmen. Daran hängen, in unregelmäßigen Abständen, Lauch- und Gemüsezwiebeln – die „Zwiebeln im Zwielicht“. Ist das Kunst?

In der neuen Spielstätte am Theater Münster, dem „U2“, seziert Regisseur Cornelius Edlefsen den modernen Kunstbetreib mit Hilfe von Nick Hornbys Satire „Nipplejesus“. Das gut einstündige Ein-Mann-Stück fesselt mit trockenem Humor, den Darsteller Christoph Rinke auf den Punkt serviert. Dave war früher Rausschmeißer und trägt ein Strasssteinchen in einem Ohr, ein Goldkettchen um den Hals und Tätowierungen. Erdnüsse mampfend bewacht er das verhüllte Bild. Plötzlich steht er auf, schiebt sich breitbeinig vorwärts und erzählt vom Bild, das ihm ans Herz gewachsen ist – dem „Nipplejesus“.

Zu sehen bekommt man das provokante Werk nur durch die Beschreibungen und Aktionen von Christoph Rinke. Und die lassen ein starkes Bild entstehen: Er mimt das schmerzverzerrte Gesicht eines gekreuzigten Mannes und misst mit seinen Händen am eigenen Körper den Bildausschnitt ab. Mit clownesker Verstohlenheit schiebt er das Absperrseil zur Seite, verheddert sich, stößt fast mit der Nase ans Bild und erkennt: Das Jesusbild ist aus lauter kleinen Quadraten zusammengesetzt. Und jedes zeigt eine weibliche Brust.

Dave ist ehrlich geschockt. Er hat weder mit Kunst, noch mit Religion viel am Hut, aber das geht ihm doch zu weit. Wie Dave hinter seiner schnoddrigen Sprache und dem permanenten „Eye, Alter!“ einen emotionalen Zugang zum dargestellten Leid findet, wie er sich allmählich so an das Bild gewöhnt, dass er es zuletzt als „seines“ empfindet – das entwickelt Christoph Rinke in glaubwürdigen Nuancen.

Die klassischen Reaktionen auf provokante Kunst karikiert Hornby in Daves vordergründig naiven Kommentaren. Seiner Freundin habe er zwei Euro hingeworfen, knurrt er, weil sie das Werk für eine Verschwendung von Steuergeldern gehalten habe. „Hitler hat sich auch viel Mühe gemacht“, zischt er, weil ein Pärchen den handwerklichen Zeitaufwand positiv vermerkte. Ein paar der „Kunstkritiker“ bekommt das Publikum kurz vor Beginn des Stücks in einem Videofilm zu sehen – Mitglieder des Theaterensembles, die sich vor Münsters Touristenattraktionen wie Dom oder Schloss empören oder intellektuell produzieren. Später lässt Rinke wieder Bilder entstehen, wenn er die verkniffenen Kennerminen parodiert. Oder wenn er nachmacht, wie Dave einen Pfarrer in die Zwickmühle bringt: Geht dieser nah an den „Nipplejesus“ heran, um die Provokation in Augenschein zu nehmen oder will er nur Brüste sehen? Immerhin hat der bildungsferne Dave im Unterschied zu vielen eines verstanden: Die Provokation von Kunst liegt im Auge des Betrachters. Denn die Brüste sieht man nur von ganz nah. „Von weitem bleibt es Jesus, egal, woraus er gemacht ist.“

28.6.; 2.,13.7.;

Tel. 0251/ 59 09 100;

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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