Christoph Poschenrieders Roman „Der Spiegelkasten“

Von Ralf Stiftel ▪ „Diesen Krieg hatte ich völlig vergessen“, sagt der Ich-Erzähler in Christoph Poschenrieders Roman „Der Spiegelkasten“. „Der andere, der zweite, verstellte die Sicht auf die Zeit zwischen 1914 und 1918.“ Das gilt für Deutschland. In England ist „The Great War“ unvergessen, noch heute fahren Schulklassen und Veteranen in Bussen auf die Schlachtfelder Flanderns.

Der Autor, der im letzten Jahr mit seinem Debüt „Die Welt ist im Kopf“ erfolgreich war, will die kollektive Erinnerungslücke füllen. Er erzählt von zwei deutschen Offizieren, die es wirklich gab: Ismar Manneberg und Ludwig Rechenmacher. Manneberg, ein Jude, der Karriere machte in der Armee des Kaiserreichs, steht im Mittelpunkt des Buchs. Ein Fronterlebnis in der „maison blanche“ bei Arras traumatisiert ihn, so dass er von einem Arzt behandelt wird, obwohl er körperlich unversehrt blieb. Und er schreibt, weil alle Kameraden das tun, einen Brief an eine Frau in der Heimat. Das „Frl. Müller“ in der Goethestraße in München gibt es nicht. Trotzdem erhält er eine Antwort.

Poschenrieder verknüpft die historischen Ereignisse mit der Gegenwart. Er schuf einen Ich-Erzähler, einen Münchner Nerd, der abends am Computer seine Idealpizza entwirft und beim Lieferservice bestellt. Dieser Mann, der für eine US-Behörde aus Zeitungen politische Dossiers zusammenstellt, stößt auf Fotoalben, die seinem Großonkel gehört haben, Ismar Manneberg. Die Frontaufnahmen ziehen ihn in einen Erinnerungsstrudel. Er verliert den Kontakt zur Gegenwart, steigt in Internet-Kriegsspiele ein, sucht in Diskussionsforen Informationen.

Es gibt die Fotos wirklich. Und der Fotograf ist auch der Großonkel des Autors, allerdings stammen die Alben von Ludwig Rechenmacher. Poschenrieder berichtet auf seiner Website, wie er die Alben dem Weltkriegs-Projekt der europäischen Internet-Bibliothek Europeana zur Verfügung stellte.

Sein Buch bereitet intensiv auf, wie die Soldaten den Krieg erfuhren. Einmal gerät Manneberg zwischen die Fronten. „Die Artillerie beider Seiten schoss Streufeuer. … Er stolperte, fiel, rutschte von Loch zu Loch, auf dem Bauch über schmierigen Lehm und durch schleimige Pfützen, griff in Dinge, vor denen er die Augen schloss. … Ab und zu sprangen von Granaten aufgeschreckte Leichen in grotesken Posen vor ihm herum, zuckend im Licht der Detonationsblitze, remobilisierte Einbeinige, Keinbeinige, Ohnarmige, Ausgeweidete und Kopflose.“ Poschenrieder erzählt auch vom Antisemitismus des Offizierskorps. Er müsse mehr von allem sein, sagt Manneberg seinem Freund, „mehr Patriot, mehr Soldat, mehr Nation, mehr Begeisterung, mehr Arbeit, mehr Fleiß, mehr alles. Und weniger Jude.“ Und der Autor erzählt vom modernen Therapeuten an der Front, der gegen die Phantomschmerzen bei Soldaten, die einen Arm, ein Bein verloren haben, eben den „Spiegelkasten“ einsetzt, ein Gerät, das dem Gehirn vorgaukelt, das verlorene Glied sei noch vorhanden. Schmerzen können so beherrscht werden.

Wie anders nimmt der namenlose Ich-Erzähler die Realität wahr, die ihm abhanden kommt, erst die Zeitungen zum Auswerten auf Papier, später der bequeme Job. Die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts wie der Topterrorist „Turban-Toni“ erweisen sich als Fiktionen im Gestöber der sich immer schneller erneuernden Katastrophennachrichten. Vielleicht ist dieses Gleichnis etwas vordergründig. Aber sowohl die Aufbereitung einer verschatteten Epoche als auch die satirischen Szenen der modernen Informationsbranche sind spannend und angenehm nüchtern geschrieben.

Christoph Poschenrieder: Der Spiegelkasten. Diogenes Verlag, Zürich. 224 S., 21,90 Euro, http://www.poschenrieder.de

Quelle: wa.de

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