Christoph Nonns Bismarck-Biografie

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Otto von Bismarck

Zum 200. Geburtstag Bismarcks hat der Düsseldorfer Historiker Christoph Nonn eine Biografie vorgelegt, die sich markiger Charakterisierungen enthält: „Ein Preuße und sein Jahrhundert“.

Nonns Anliegen ist eine nüchterne Einordnung des Reichskanzlers in die Geschichte des 19. Jahrhunderts. Er sieht Otto Eduard Lepold von Bismarck weniger als Gestalter denn als Politiker, der in den Strukturen seiner Zeit agiert. Lebens- und Epochenbeschreibungen wechseln sich bei Nonn ab, der Historiker spielte alternative Entwicklungsmöglichkeiten Deutschlands und Europas durch. Ohne Bismarck, so sein Fazit, wäre die Geschichte wohl nicht wesentlich anders abgelaufen.

27 Jahre lang regierte Bismarck Preußen, 19 Jahre das Deutsche Reich – eine unvorstellbar lange Zeit, besonders, wenn man sich Nonns Auflistung der Bismarckschen Fehler und Fehleinschätzungen vergegenwärtigt. Den Reichstag in Finanzfragen auszuschalten, ist Bismarck trotz aller Bemühungen nie gelungen. Im Kulturkampf wandte er sich nicht nur gegen den Katholizismus, sondern unbeabsichtigt auch gegen die preußischen Konservatismus, dem er sich eigentlich so verbunden fühlte. Die Sozialistengesetze waren Nonn zufolge anachronistisch, es hätte effizientere Alternativen gegeben.

Am härtesten geht der Historiker mit Bismarcks Außenpolitik ins Gericht. Sein Verständnis sei ein „sehr traditionelles“ gewesen, geprägt von Geheimdiplomatie und einsamen Entscheidungen. Die Abtretung Elsass-Lothringens nach dem Deutsch-Französischen Krieg lastet Nonn Bismarck nicht an; kein Politiker hätte hier gegen die deutschnational geprägte öffentlich Meinung agieren können. Dass Bismarck sich eine Kooperation mit Paris damit dauerhaft verbauen würde, sei ihm wohl erst viel später aufgegangen. Im Versuch, Frankreich zu isolieren, habe Bismarck eher eine Isolierung Deutschlands herbeigeführt.

Natürlich war Bismarck keineswegs erfolglos. Bei der Reichsgründung, die Nonn nicht als Bismarcks alleiniges Werk versteht, habe er geschickt agiert. Und Respekt nötigt der Reichskanzler dem Historiker bei der „konservativen Wende“ 1879 ab. Bismarck gelang es mit der Einführung von Schutzzöllen für Agrarprodukte, einen Keil in die Liberalen zu treiben. Ländlich und konservativ orientierte Kreise zog er damit auf seine Seite, das liberale städtische Bürgertum ließ er außen vor – ironischerweise, so Nonn, kamen gerade aus diesen Kreisen später die größten Bismarck-Verehrer.

Ein flexibler und pragmatischer Konservatismus habe Bismarck seine außerordentliche Karriere ermöglicht, folgter Nonn. Dabei sei er immer ein Vertreter des ländlichen, adeligen Preußen gewesen – und ein Verächter des liberalen Berlin. Einen Modellcharakter für das gegenwärtige Deutschland, so Nonns Schlussfolgerung, dürfe man Bismarck deshalb nicht zugestehen.

Christoph Nonn: Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert. Verlag C. H. Beck: München. 416 S., 24,95 Euro.

Quelle: wa.de

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