Christoph Loy inszeniert Bellinis „La Straniera“ an der Aalto-Oper Essen

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Glänzt in der Titelrolle von Bellinis „La Straniera“: Marlis Petersen als Alaide.

Von Edda Breski ESSEN - Bellinis selten gespielte Oper „La Straniera“ ist an zwei Polen verortet: dem romantischen Historismus der Geschichte um die Königsgeliebte Agnes von Meran und dem musikalischen Fortschritt. Bellini erzählt eine Geschichte voll unlogischer Wendungen mit avancierten Mitteln: fragmentierten Melodien, die angedeutet und erst an anderem Ort voll ausgespielt werden, ins Weite gespannten Phrasen, melodischen Inseln, die die Handlung unterbrechen und die Affekte der Hauptfiguren darstellen.

Regiestar Christoph Loy liest die „Straniera“ als Geschichte von der Unmöglichkeit, aus der eigenen Gefühlswelt auszubrechen, und verortet sie im Bühnenmilieu. Seine Figuren stellt er auf einen neoklassizistisch dekorierten Holzboden zwischen Kulissen und Schnüren (Bühne: Annette Kurz). Die Aalto-Oper Essen hat die Produktion von der Oper Zürich übernommen. Erstmals ist eine Arbeit Loys in Essen zu sehen.

Vor den Beginn setzt Loy das tödliche Ende. Der unglücklich liebende Arturo will sich schon während der Ouvertüre erhängen. Als ihm das Seil weggenommen wird, legt er sich trotzig als „Leiche“ hin. In der Perspektive ist ein Gemälde vom See zu sehen, an dem die Straniera, die Fremde, erscheint. Loy betont das Zyklische der Oper, das kreisende Vorüberziehen von Gefühlen, denen keine der Figuren entkommen kann.

Arturo ist Fluchtpunkt der Inszenierung. Er liebt die Fremde und verschmäht seine Braut Isoletta. Die Oper spielt am Hochzeitstag, die Heirat wird immer wieder unterbrochen zugunsten melodischer Inseln, in denen der Mann und die Frauen ihr Los beklagen. Arturo wirft sich zu Boden, hält sich die Ohren zu, um nicht zu hören, was er nicht hören will; ein Kind ohne Haltung oder gesellschaftlichen Schliff. Er berauscht sich an der Vorstellung, die Straniera, die als Ausgestoßene unter Generalverdacht steht, zu sich zu erheben. Alexey Sayapin porträtiert den jugendlichen Liebenden mit viel Schmelz und wenig Nuance. Das passt zur Rolle des stürmisch Verliebten, für den es außerhalb seiner Liebe nichts gibt.

Die Bühnenillusion selbst wird zum Bedeutungsrahmen. Loy bezieht den Stoff, der im 13. Jahrhundert in Frankreich spielt, auf seine Entstehungszeit. Das Bürgertum hat die Künste erobert und spiegelte darin seine Wünsche. Bühnenwerke reflektierten die Verwirklichung des Individuums ebenso wie die sittlichen Vorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft. Daher die Bühnenmetapher. Arturos romantischer Subjektivismus wird verdeutlicht, als er selbst die Schnüre zieht und Stoffschleier herablässt, auf die eine Waldszene projiziert wird. Er selbst schafft die Umgebung, in der er die Ersehnte sehen will. Der Chor trägt dunkles Biedermeier, heller Mittelpunkt ist die Braut in Weiß. Ihr Gegenpol ist die geheimnisvolle Fremde in Schwarz (Kostüme: Ursula Renzenbrink).

Musikalisch steht die Straniera, Alaide, im Zentrum. Ihre Partie ist eine wilde Ausschlagskurve von Liebe, Selbsthass, Wahnsinn. In ihre Gefühle eingesponnen, wandelt sie als Dame mit Schleier umher, durch Status und Schicksal außerhalb der Gesellschaft gestellt. Man kann der Oper wie einem Krimi folgen, denn nur langsam enthüllt sich, wer sie ist: die Geliebte des Königs von Frankreich. Sie liebt Arturo und kann ihm nicht sagen, wer sie ist. Loy lässt sie im Finale glitzernden Schmuck anlegen und erinnert damit an das „Faust“-Gretchen: Die Frau kokettiert mit ihrem Status, zu ihrer Liebe findet sie keinen Zugang mehr.

Marlis Petersen durchmisst die Höhen und Tiefen ihres Parts von der tiefen Bruststimme der Verzweiflung bis zu den glitzernden Koloraturen. Eine glänzende Leistung. Die weiteren Partien sind gut besetzt. Den Valdeburgo, der sich als Bruder der Straniera entpuppt, gestaltet Luca Grassi etwas metallisch als mitfühlenden, aber hilflosen Charakter. Ieva Prudnikovaite ist eine leuchtende, gefühlstiefe Isoletta.

Bei seinem Essener Debüt bündelt Josep Caballé Domenech die Fragmentierungen der Partitur, führt zügig hindurch und produziert mit den Essener Philharmonikern einen dichten, plötzlich aufblühenden, manchmal markigen Klang. Kleinere Abstimmungen müssen noch erfolgen, besonders mit dem Chor, der gelegentlich verwaschen klingt.

4., 6., 9., 15., 19., 21.3., 9., 11., 13.4.; Tel. 02 01/81 22 200;

www.aalto-musiktheater.de

Quelle: wa.de

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