Christoph Frick inszeniert die „Dreigroschenoper“ in Bochum

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Ein reizendes Paar: Szene aus der „Dreigroschenoper“ in Bochum mit Maja Beckmann (Polly) und Nicola Mastroberardino (Macheath). ▪

Von Anke Schwarze ▪ BOCHUM–Eingewickelt wie eine Mumie springt einer der Peachum-Bettler von Bühne in den Zuschauerraum und wieder zurück. Eine akrobatische Leistung. Der Moritatensänger tapst als Queen Elisabeth zum Mikro. Polly und Mackie halten sich an einer Gogo-Stange fest und vollführen, getrennt voneinander und bekleidet, rhythmische Beischlafbewegungen. Seine Rettung vom Galgen begrüßt Mackie mit ausgebreiteten Arme und in lendenschurzähnlicher Unterhose, wie der gekreuzigte Jesus. Im Bordell brechen die Huren demonstrativ das Brot.

Die Inszenierung der „Dreigroschenoper“ am Bochumer Schauspielhaus bietet anspielungsreiche Einfälle. Trotzdem hinterlässt sie keinen prägenden Gesamteindruck. Regisseur Christoph Frick platziert Schauspieler und Band in ein Tribünengerüst. Anzüge, schwarze Cocktailkleider und Lederjacken verorten die Geschichte in der Gegenwart. Die Verfremdungseffekte folgen einem bewährten Muster: Die Schauspieler ziehen sich auf der Bühne um und schleppen Requisiten, vorzugsweise Pappkartons. Am einfallsreichsten handhaben sie das Mikrophon. Es wird zum Spielball im Beziehungsgeflecht, mit großer Geste überreicht oder beiläufig hingehalten.

Bevor er sich in die leidende Mumienkreatur verwandelt, hält der Bettler (Raiko Küster) Pappschilder in die Höhe, darauf jeweils ein Wort. Zusammengesetzt ergeben sich wirre Sätze mit dem Ruf nach Mitleid, Rettung, Hilfe. Ein Anspielung auf US-Amerikaner, die während der Bankenkrise mit verzweifelt witzigen Sprüchen um Almosen bettelten. Die Dreigroschenoper serviert diesen aktuellen Bezug auf dem Silbertablett: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, räsoniert Mackie.

Stellenweise konzentriert sich die Regie zu sehr auf ihre Einfälle als auf den Text. „Es muss eben immer wieder etwas Neues geschehen.“ Diesen Satz aus der Dreigroschenoper nimmt sie manchmal zu wörtlich. Solide gesungen und interpretiert werden die Lieder. Maja Beckmann schreit sich die Seele aus dem Leib. Anke Zillich, die Spelunken-Jenny im Domina-Look, intoniert mit angemessen rauchigem Timbre. Beide machen aus der Seeräuber-Jenny ein Duett. An Überzeugung gewinnt das Lied dadurch nicht. Schön schrill gerät das Eifersuchts-Duett zwischen Lucy und Polly, bei dem sich Xenia Snagowski und Beckmann ein musikalisches Weibercatchen im höchsten Diskant liefern. Katharina Linder, die vulgäre Unterwelt-Mutti Celia Peachum, sorgt in der zweiten Hälfte für musikalische Höhepunkte, mit „Wovon lebt der Mensch“ und dem Finale. Nicola Mastroberadino liefert als Mackie Messer eine ordentliche Leistung, lotet aber weder als Sänger noch als Schauspieler alle Möglichkeiten seiner Rolle aus.

Zum Teil nimmt ihm die Inszenierung diese Möglichkeiten. Die Tochter des Polizeichefs, Lucy, darf er nicht selbst überreden, ihm zur Flucht zu verhelfen. Xenia Snagowski übernimmt seinen Part, spricht Lucys und Mackies Text abwechselnd. Sie macht das gut. Schnütchen ziehend und wimpernklappernd parodiert Maja Beckmann die trotzige Tochter, die hingebungsvolle Geliebte, die berechnende Geschäftsfrau. Ihr Talent zur Pantomime entfaltet sie als Seeräuber-Jenny. Michael Schütz hat Spaß in seiner Rolle des Tiger Brown, den er als Kraftprotz in „Magnum“-Manier anlegt, mit einem tuntigen Unterton. Matthias Redlhammer braucht als Bettlerkönig Peachum nur wenige Bewegungen. Das Hochziehen einer Augenbraue reicht ihm, um seine Bettler und die Gesellschaft zu verlachen.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt die Band. Ihr präzises Spiel verleiht den Liedern manchmal mehr Leben als die Schauspieler, mit den knackigen Takten und verschliffenen Synkopen, mit musikalischen Zitaten aus Kirchenchorälen und Barockoper.

16., 22. 10; 6., 13. 11.

Tel 0234 / 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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