Christo bläst im Gasometer Oberhausen sein „Big Air Package“ auf

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Wie in einer anderen Welt: Das „Big Air Package“ ist Licht- und Raumkunst vom Verhüllungskünstler Christo im Oberhausener Gasometer.  

Von Achim Lettmann  - OBERHAUSEN –Nein, es ist kein Schnee. Dabei fühlen sich die ersten Schritte in Christos „Big Air Package“ wie ein Spaziergang durch eine gleißende Winterlandschaft ohne Berge und Bäume an.

Aber das Weiß des neuen Kunstwerks im Oberhausener Gasometer ist wärmer, weil die Farbe gebrochener wirkt, nicht so klar und kühl wie Schneekristalle. Die Temperaturen waren im Industriedenkmal am Freitag Morgen dennoch frostig. Nun wird das ja bald besser, hört man.

Wer unter einer Winterdepression leidet, sollte vielleicht ein paar Tage warten, bevor Christos wunderbare Stoffhülle besucht wird. Denn der 119 Meter hohe Gasometer wirkt noch wie ein Gefrierschrank ohne Nullgradzone. Über zwei Gebläse wird im Innenraum das „Big Air Package“ mit Außenluft gefüllt. Es ist eine Raum-Installation, die sich über der Plattform des Gasometers erhebt und das Stockmaß des Gebäudes fast ausfüllt. Sie besteht aus sieben langen Kunststoffbahnen, die in Lübeck gefertigt wurden. Auf der Plattform selbst sind die Stücke vernäht worden. Nun erheben sie sich 90 Meter hoch und 50 Meter breit, wie ein gezähmter Ballon oder ein Luftschiff für Träumer.

Der Stoff ist insgesamt 5,3 Tonnen schwer und wird von Seilen gehalten, 4500 Meter lang. Mit 177 000 Kubikmetern ist Christo wohl die weltgrößte Skulptur gelungen. Es ist nicht seine erste, denn 1966 entstand ein Air Package (Luftpaket) in Eindhoven. Auch auf der documenta IV (1968) war der bulgarisch-amerikanische Künstler vertreten: „5600 Cubicmeter Package“. Ein Winzling im Vergleich zu Oberhausen.

Damals arbeitete Christo (77) mit seiner Frau Jeanne-Claude (1935–2009) zusammen, an die er auch im Gasometer erinnerte. Beide hatten hier das Kunstwerk „The Wall“ mit 13 000 farbigen Ölfässern vor 13 Jahren umgesetzt. 1999 war der runde Raum von einer Fässerwand zerteilt worden, die gigantisch und bunt wirkte. In fünf Monaten strömten 395 000 Besucher zu „The Wall“. Ein riesiger Erfolg. Insgeheim hofft die Gasometer Oberhausen GmbH, das die Quote in diesem Jahr noch getoppt wird. Denn der Aktionskünstler Christo ist mehr denn je ein populärer Kunststar und aufgrund seiner verwegenen Projekte im öffentlichen Raum ein moderner Rebell.

Christo ist es wichtig, zu unterscheiden. „Big Air Package“ ist nicht mit seinen Landschafts- oder Verhüllungsprojekten zu vergleichen, die nur über den Verkauf von seinen Zeichnungen und Fotografien finanziert wurden. Wer sich an den verpackten Reichstags in Berlin erinnert, weiß, dass 1995 nicht mal Getränkebuden vor dem Parlament erlaubt waren. Kein Kommerz.

„Big Air Package“ ist dagegen von der Gasometer GmbH finanziert und der Firma Messer gesponsert worden. 1,4 Millionen Euro hat „Big Air Package“ gekostet. Das bedeutet fürs Publikum neun Euro Eintritt und ermäßigt sechs Euro. Bis zu 250 Personen dürfen sich gleichzeitig im Luftdom aufhalten.

Wer mit dem gläsernen Fahrstuhl zur Aussichtsplattform gelangt, sieht die dunklen Seile, die um das Kunstwerk gelegt sind. Wolfgang Volz, der seit Jahrzehnten mit Christo zusammenarbeitet und die Werke fotografiert, sagt, dass es atmet. Zumindestens bewegt sich das „Big Air Package“ und damit wird eine Illusion spürbar. Man gerät irgendwie in einen Schwebezustand, ja ein bisschen fliegt das Unterbewusstsein auf, wenn man in der monumentalen Lufthülle sitzt, liegt, geht, kreist oder nur staunt. Bei Christos Kunst scheinen immer ein paar Gesetze und Regeln außer Kraft gesetzt.

Diesmal hat das Licht einen besonderen Stellenwert. 60 Scheinwerfer sind auf den Stoff gerichtet, der für Christo auch immer eine Haut ist. „Die Behutsamkeit, die der Mensch für Dinge hat, die nicht für die Ewigkeit bestimmt sind“, sagt Christo zu seinem Werk, „diese Qualität“ versuche er ästhetisch sichtbar zu machen. Dafür setzt er Stoff in großen Mengen ein, 20 350 Quadratmeter sind es in Oberhausen. Und das Sonnenlicht, das durchs Dach einfällt, füllt das „Big Air Package“ mit Helligkeit und Kraft, die ebenso wichtig sind wie die Luft in unserer Atmosphäre. Beides wird umhüllt und in seiner Wertigkeit gefeiert.

Es ist ein kolossaler Erfolg, dass die zeitgenössische Kunst dem menschlichen Sinn für Licht und Leben, Raum und Existenz einen solchen Pilgerort anbietet. In Oberhausen kann erfahren werden, warum Künstler wie Christo heutzutage eine Emphase auslösen, wie sie noch vor 25 Jahren undenkbar schien. Der „White Cube“, die Ikone der modernen skulpturalen Abstraktion, ist zu einem begehbaren Ort geworden. Und das Verrückte daran ist: Man fühlt sich darin pudelwohl und ist ergriffen. Wovon? Von der Kunst.

Die Schau

Groß, lichtdurchflutet und wundervoll. Christos neues Kunstwerk im Industriedenkmal.

Big Air Package im Gasometer Oberhausen. Bis 30. 12., di-so 10 bis 18 Uhr, in den Ferien auch montags. www.gasometer.de. Außerdem: Christos Werkschau aus fünf Jahrzehnten in großen Fotografien. Die Ludwig-Galerie Schloss Oberhausen zeigt die Entwurfszeichnungen.

Quelle: wa.de

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