Christian Thielemann eröffnet Saison im Konzerthaus Dortmund

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Interpretierten ein spirituelles Werk: Gidon Kremer und Christian Thielemann im Konzerthaus Dortmund.

Von Edda Breski DORTMUND - Für einen Eröffnungsabend hätte der Intendant des Dortmunder Konzerthauses, Benedikt Stampa, lange suchen müssen, um ein noch glanzvolleres Paket zu schnüren: Christian Thielemann war da mit „seiner“ Dresdner Staatskapelle, der selbst ernannte preußisch-konservative Aufrührer und die „Wunderharfe“ seines Leib- und Magenkomponisten, Wagner.

So einfach hat Dortmund es seinem Publikum allerdings nicht gemacht: Das erste Werk, das in der neuen Spielzeit erklang, war das zweite Violinkonzert, „In tempus praesens“ von Sofia Gubaidulina, gespielt von dem Ausnahmespezialisten für Zeitgenössisches, Gidon Kremer; gleich hinterher gab es Bruckners Neunte in einem spirituellen Doppelschlag.

Der Abend verströmte also dunklen Glanz, nicht allein wegen des tief fundierten, „emphatischen“ Klangs, den Thielemann pflegen lässt. In beiden Werken sind Religiosität und spirituelles Erleben wesentliche Bezugspunkte. Das Ich kann gegen die Welt und sich selbst ankämpfen, aber Erkenntnis darüber hinaus erfährt es im Gotteserleben – das erörtert Bruckner auch in seiner riesenhaften, unvollendeten Neunten. Gubaidulina reflektiert mit „In tempus praesens“ die Wahrheitssuche des Individuums in einer zerrissenen Zeit. Gidon Kremer verstand den Solopart nicht als monologisierende Reflexion, sondern als Auseinandersetzung; er rang mit dem Orchester, setzte gegen die Reibungen zwischen Holz und Streichern im ersten Satz harte, plastisch geformte Klänge. Sein zunächst leicht verschleierter Ton flackerte, pulsierte gegen das Hochdruckmusizieren von Thielemann und den Dresdnern an. Thielemann hielt die Temperatur hoch, verstärkte den Druck und ließ nur gelegentlich kurz locker – dann konnte eine kurze Streicherpassage klingen wie ein kurzes erleichtertes Aufstöhnen. Der Klang war gelegentlich etwas zu füllig für Kremer. Ebenso geradlinig, wie Thielemann Druck aufgebaut und gehalten hatte, nahm er ihn wieder heraus für das letzte kraftlose Aufbegehren, das erlösende, überirdische Dur, dann das Schweigen, das der Geige noch einmal Raum gibt. Ein Höllenfeuer mit Ansage.

Wer viel Musik hört, weiß, dass Hörgewohnheiten einen in üble Fallen locken können. Da Thielemann seit vielen Jahren Bayreuths Haus- und Hofdirigent ist, könnte es sein, dass man, wenn er den Taktstock hebt, Wagner hört, wo keiner da ist. Im Falle der ersten Takte von Bruckners Neunter, einem Fall der berühmten Bruckner-Ursuppe, aus dem seine Themen hervorsteigen wie neues Leben im Anbeginn der Zeiten, klang er allerdings wirklich kurz aber verdächtig nach „Best of Ring“. Doch es ward Licht. Der erste Satz denkt das weitgespannte Adagio der Siebten weiter, das auch direkt zitiert wird. Thielemann denkt in die Breite und bleibt doch geradlinig: feierlich, wie in der Satzbezeichnung vorgegeben, aber nicht misterioso. In diesem Bruckner-Universum ist nicht alles einfach, aber im Prinzip alles klar. Thielemann überfliegt das Panorama, und in seiner Draufsicht ergeben sich große Brocken, die aneinander treiben, sich auch einmal reiben, aber bestimmt sind, einen neuen Kontinent zu bilden. Das Scherzo liefert das Höllenfeuer zum Prozess. Mit Lust wirft Thielemann das Herausfahrende, Hochmütige gegen das abgerundete, feine Trio. Folgt das Adagio, und damit Part drei der Thielemannschen Elementarlehre: Wie verschieden temperierte Strömungen fließt die Musik ineinander, während Thielemann zur Feinabstimmung die Hähne dreht: etwas mehr Kälte hier, etwas weniger Streicher dort. Es war ein in vielerlei Hinsicht überwältigender Abend, und einer, der Werbung macht: dafür, die Ohren aufzumachen und zu denken.

Quelle: wa.de

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