Christian Josts Oper „Hamlet“ in Dortmund

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Großartige Gesangsleistung: Maria Hilmes als „Hamlet“ an der Oper Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–An Tagen wie diesen ist die Welt in Dortmund aus den Fugen.

Die Fußballbegeisterung rollt bis vor das Opernhaus: Auf dem Wallring feierten die Fans die Meisterschaft für den BVB, innen verschob man die Premiere von Christian Josts „Hamlet”. Eine Viertelstunde mussten die Darsteller auf der Bühne überspielen, ebenso wie die Dortmunder Philharmoniker, die sich im Orchestergraben mehr als fünfzehn Minuten lang demonstrativ warmspielten. Dann waren auch die letzten Gäste durch die schwarz-gelben Massen geschlüpft. Es war die zweite Aufführung einer Oper, die nach der Uraufführung vor zwei Jahren an der Berliner Komischen Oper gefeiert, aber nicht wieder gespielt worden war.

Umso mutiger ist die Entscheidung der Intendanz und des mit dem Komponisten bekannten Chefdirigenten Jac van Steen, dieses Werk ins Ruhrgebiet zu holen. Zeitgenössische Oper ist kein Quotenbringer, sondern kaufmännisch gesehen das größte Verlustgeschäft im Musiktheater. Die Premiere wurde vom Häuflein Enthusiasten im Zuschauerraum gefeiert.

Allen voran galt der Jubel der Mezzosopranistin Maria Hilmes. Sie brillierte in der Titelpartie mit ergreifender Energie und Darstellungsfreude. Jost zeigt die Shakespeare-Figur postmodern gebrochen in den Spiegeln von Selbst- und Fremddarstellung (Inszenierung: Peter te Nuyl). Der Hof von Dänemark ist ein Stillleben aus schiefen Säulen, wackeligen Kapitellen und offen gähnenden Kulissen, sein bisschen Glanz ist nur Theaterflitter (Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak). Horatio (Brian Dore, der eine Art Zwillingsgestalt zu Hamlet darstellt) verteilt die Rollen, alle werfen sich in Schale und stürzen sich in ihre Aufgaben. Da kommt es vor, dass Hamlet seine Mutter Gertrude (Susanne Schubert) in den Selbstmord treibt, fast hat sie schon abgedrückt, da fallen beide Frauen aus der Rolle und klopfen einander auf die Schultern. Doch ganz so einfach macht Jost es seinem Publikum nicht. Neben derben Pointen, wie der Unterhose, aus der Ophelia Hamlets Duft nicht mehr spürt, entstehen tragische Momente wie beim „Stück im Stück”, als der Königsmord vor Claudius' (Bart Driessen) Augen nachgespielt wird. Hamlet inszeniert, wird aber selbst inszeniert. Spiel wird Leben, Leben wird Spiel, die Darsteller sind Zuschauer in ihrem eigenen Drama. Das macht diesen „Hamlet” so berührend. In all der Doppelbödigkeit wird die Selbstbetrachtung nicht zur Pose, die Differenzierung treibt alle ins Entsetzen. Ein gewaltiger Kontrast ist dieser müde Beobachter zum zerquälten Amokläufer Hamlet in Xin Peng Wangs Ballett von der „Geburt des Zorns”, ebenfalls in Dortmund zu sehen.

Jost teilt die Titelpartie auf zwischen der Solistin und einem Frauenchor. Bedeutungsschwer fragt er in sphärischen Harmonien nach dem Sinn des Lebens. Doch zwischen den Klängen lauert Leere. Sehr sinnlich ist die Textur der Musik. Jost schreibt für klassisch besetztes Orchester, ergänzt um Klavier und Percussion. Geisterhafte Glissandi künden vom Schrecken der Selbsterfahrung. Jost ist ein begeisternder, berührender Melodiker, das zeigt die rauschhaft anhebende Klage um Ophelia. Aus Melodie erhebt sich Chaos, im Chaos ist Melodie. Die Dortmunder Philharmoniker beweisen unter van Steen ihre Klangkultur.

Die Höhenflüge und Klagen Hamlets, aber auch den bitteren Spott zeichnet Maria Hilmes in weiten Bögen und flatternde Intervallsprüngen nach. Der solide Brian Dore ist als Horatio ihr zweites Ich. Ihnen steht das Paar Gertrude und Claudius gegenüber. Susanne Schubert, ausstaffiert als platinblondes Edel-Pinup, steigert sich zu naivem Erstaunen über die Konsequenzen ihres Handelns, Bart Driessen klingt allzu nobel als Claudius. Ophelia ist die konventionellste Partie, das leidende, passive Opfer. Julia Amos gibt die Unschuldige mit silbrigem Klang und beeindruckenden Spitzentönen.

13., 26.5., 3., 12.6., Tel. 0231/ 50 27 222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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