Christian Brey inszeniert Kästners „Drei Männer im Schnee“ in Bochum

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Ungleiche Freunde, die Wein und alte Lieder mögen: Szene aus „Drei Männer im Schnee“ in Bochum mit Matthias Kelle, Günter Alt und Martin Horn (von links).

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Immer, wenn sie sich etwas zu sagen haben im Grandhotel Bruckbeuren, dann setzt die Musik ein. Conny Froboess beteuert: „Du bist mir so sympathisch, so unerhört sympathisch!“ Mona Baptiste sehnt sich: „Ich kann nicht schlafen ohne Kuss.“ Und Freddy Quinn hilft dem als Millionär verkleideten Diener Johann, seine Verzweiflung auszudrücken: „Heimatlos...“ Die Darsteller in Christian Breys Inszenierung von „Drei Männer im Schnee“ bewegen ihre Münder. Maxi-Playback-Show im Schauspielhaus Bochum.

Erich Kästner hat seinen Roman schon 1934 zum Theaterstück umgearbeitet. Es wurde in Deutschland gespielt, unter dem Pseudonym Robert Neuner, denn seine Bücher waren von den Nazis als „entartet“ geschmäht und bei der Schandaktion vom 10. Mai 1933 verbrannt worden. Auch in Bochum stand damals das Stück auf dem Spielplan. Es störte die Tagesordnung des totalen Staats nicht. Man floh aus der Gegenwart in eine Märchenwelt.

Da beschließt der Geheimrat und Millionär Eduard Tobler, inkognito als armer Preisausschreibengewinner ins Hotel zu ziehen, um die wahren Menschen kennenzulernen. Da gibt es Verwechslungen und Irrtümer und ein Happy-End, bei dem Eduard Freunde findet und der wirklich arme Werbetexter Dr. Hagedorn Toblers Tochter samt Firma bekommt. Hingegen erhalten der schleimige Direktor Kühne und der überhebliche Portier Polter ihre gerechte Strafe. Ist das nicht zu schön, zu glatt, zu harmlos für das 21. Jahrhundert?

Manchmal darf Theater das. Einfach lustig sein, hemmungslos herumalbern. Vor allem, wenn man den Blödsinn so knietschbunt und flott ausstellt, dass es jeder merkt. Auf der Drehbühne rotiert das Hotelfoyer mit seinen 50er-Jahre-Tapeten und Kunst-Eiszapfen in eine Sperrholz-Skipiste (Ausstattung: Anette Hachmann). Die Pagin (Lou Zöllkau) stellt sich auf ein Bein, ein Gebläse weht Kunstschnee herein, wenn die Tür geöffnet wird. Als Hagedorn sich mit Johann bekannt macht, da trippelt der eine heran und der andere trippelt im selben Schrittmaß weg, eine hübsche Choreografie. Zum Kostümfest setzt sich Polter (Henrik Schubert) mit abgezirkelten Gesten die rote Clownsnase auf und pustet ernsthaft wie ein preußischer Gardesoldat eine Luftschlange in den Raum, um dann staubtrocken „Olé!“ zu rufen.

Regisseur Brey unternimmt eine doppelte Zeitreise: Das anachronistische Märchen der Weimarer Wirtschaftskrise versetzt er ins Wirtschaftswunder der BRD – und füllt es mit Slapstick, Schlagern und vielen popkulturellen Zitaten zu einer Art Collagemusical auf. Da sagen sie „Ge-nauuu!“ wie Schlemihl in der Sesamstraße. Oder spielen wie Louis de Funès Wortpingpong: „Du? – Ich! – Nein! – Doch!“ Älteste Schätzchen aus der Klamottenkiste werden wachgeküsst: Die Nummer mit der Perücke; die Briefmarken, die Polter immer wieder zerstäubt wie Konfetti; Tür auf, Tür zu. Dialekt: Der schrillen Frau Casparius verleiht Bettina Engelhardt ein kölsches Kreischen, die Frau von Mallabré von Julia Wolff weanert voller Schmäh. Und dann springt da noch die Stoff-Siamkatze Dr. Hagedorn tigerhaft an – fragen Sie nicht, was das nun wieder soll. Selbst wenn Matthias Kelle als Hagedorn in einer Sportpalastredenparodie kurz mobil macht: „Reklame ist Krieg“, klingt das von seiner weingetränkten Zunge wie ein Partygag.

Solch gediegenen Quatsch kann man sich nur mit Klasseschauspielern erlauben. Bochum hat sie. Der hochgeschossene, hagere Martin Horn verleiht dem eigensinnigen Geheimrat, der sich als Habenichts und Nervensäge bestens amüsiert, überzeugende Gestalt. Günter Alt als beflissener Diener Johann spricht selbst Gags, die auf seinen Umfang anspielen, bravourös: „Ich bin hinten zu konvex.“ Matthias Kelles Hagedorn ist ein treuherzig-naiver Macho. Und Juliane Fisch spielt die Hilde hübsch burschikos und emanzipiert.

Kümmern Sie sich bald um Karten! Dies wird ein Hit.

13.11., 6., 26., 27.12.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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