Choreografie zur jüdischen Malerin Charlotte Salomon in Gelsenkirchen

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Wechselspiel aus wahrer und erfundener Biografie: Szene aus der Charlotte-Salomon-Choreografie in Gelsenkirchen mit Kusha Alexi (links) und Nora Brown.

Von Edda Breski GELSENKIRCHEN - Die Malerin Charlotte Salomon hatte trotz Angst und Todesgefahr die Stärke, noch schöpferisch zu arbeiten, sich unter Lebensgefahr dem Leben zuzuwenden. Mit 26 Jahren wurde sie in Auschwitz ermordet, da war sie im fünften Monat schwanger.

Die letzten Jahre ihres Lebens hatte sie in Frankreich im Exil verbracht. Dort begann sie in höchster Not – ihre Großmutter hatte sich umgebracht, Salomon und ihr Großvater waren unter dem Vichy-Regime interniert worden – eine Serie von Gouachen, eine verfremdete Biografie in expressionistischen, direkten, farbigen Darstellungen, die sie als Erläuterungen zu einer Art Singspiel mit Theater unter dem Titel „Leben? Oder Theater?“ anlegte. Viele der Bilder sind mit flacher Perspektive, Beschnitten und Schriftelementen Comics ähnlich.

Am Musiktheater im Revier widmet die Ballettchefin Bridget Breiner Salomons Arbeit die Ballettoper „Der Tod und die Malerin“, ein Projekt, das Kunstformen zusammenbringt: die Bilder, Tanz, Gesang, Musik.

Die Partitur stammt von der Komponistin Michelle Dibucci, die ebenfalls Gegensätze vereint: Jazz, Mozart, Bizet und Tango, atmosphärische, filmische Musik mit Liegetönen und jähen Dissonanzen. Als Leitmotiv taucht die Arie aus Glucks „Orpheus und Eurydike“ auf: „Ach, ich habe sie verloren“ (gesungen von Anke Sieloff). Die Arie wird komplett gesungen, wieder aufgegriffen, die erste Phrase wird transponiert, von Fagott und Blechinstrumenten verfärbt. Dibucci versteht es, Zitaten eine atmosphärische Wirkung abzugewinnen und daraus etwas Neues zu schaffen. Sie integriert auch ein Männerquintett, das dann am stärksten wirkt, wenn es einfach in den Musikstrom eingebunden wird. Die Neue Philhamonie Westfalen unter Valteri Rauhalammi setzt die Partitur klar und kantig um.

Breiner erzählt Salomons Leben als Begegnung mit dem Tod. Salomon verlor ihre Mutter mit neun Jahren durch Selbstmord. Das verarbeitete sie in ihrer Bilderserie, ebenso wie die neue Beziehung des Vaters. Auf der Bühne treffen sich also eine Biografie und eine fiktionalisierte Biografie. Kusha Alexi tanzt die Charlotte, ein Mädchen voll Sehnsucht im blauen Kleid. Sie sucht Liebe, sie sieht ihr Leben und das ihrer Eltern an sich vorüberziehen. Die malerische Perspektive vermittelt ein Rahmen, der die Bühne umzieht. Auf einem Steg kann Charlotte die Bühne verlassen und ins Publikum treten, als ihre eigene Zuschauerin.

Alexi zeigt eine kraftvolle Darstellung, der auch das Mädchenhafte nicht fehlt, bis hinein in das letzte Duett mit dem Tod (Jonathan Ollivier). Sie tanzt eher modern, die anderen – darunter die leidenschaftlich auftretende Ayako Kikuchi als Charlottes Stiefmutter – mehr (neo-)klassisch, eine Gegenüberstellung, die Breiner auch in anderen Werken einsetzt. Sie trennt die Heldin damit stilistisch von den anderen Figuren.

Breiner bietet ein großes Ensemble auf, zeigt Duette und Gruppenszenen, zitiert einen sentimentalen Salonstil und nähert sich der Neuen Sachlichkeit an. Vor allem verlässt sie sich auf die Kraft von Salomons Bildern. In der zweiten Hälfte schwebt über den Tänzern eine Leinwand (Bühne: Jürgen Kirner). Dort läuft wie ein Daumenkino die Bilderserie rückwärts, als von Charlotte Salomons Exil und Verlust erzählt wird, ein Moment, der mit seiner Suggestionskraft zu den stärksten des Abends gehört. Er ist ein starkes Argument für eine Bühnendarstellung, die mehrere Künste mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten zusammenbringt.

Da aber Biografie und fiktionalisierte Biografie nicht getrennt werden, werden viele Szenen abstrakt. Wer das trotz dieses Strukturproblems aus formaler Sicht interessante und dabei oft berührende Stück sehen will, sollte sich unbedingt mit den Bildern vertraut machen. Eine Ausstellung der Serie wird am 28. Februar im Kunstmuseum Bochum eröffnet. Das Musiktheater im Revier hat einstweilen eine Ausstellungs-Box im Foyer aufgebaut, in der die Bilder digital gezeigt werden.

22.2., 7., 29.3., 23.4.,

Tel. 0209/4097200,

www.musiktheater-im-revier.de

Quelle: wa.de

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