Charlotta Öfverholm zeigt „4 Feet Under“

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Getanzt wird auch: Szene aus der Choreografie „4 Feet Under“ in Münster.

Von Ursula Pfennig - Münster - Die Tänzerin stopft sich Süßigkeiten in den Mund, spritzt Sahne hinterher. Dann fragt sie einen Zuschauer: „Sie glauben an ein Leben nach dem Tod? – Und wie stellen Sie sich das vor?“ Sie bedankt sich artig für die Antworten und bittet schließlich um Handzeichen. Die Mehrheit im Publikum hält den Tod für das Ende. Sie lächelt zufrieden und springt davon: „Ich liebe das Leben!“ Dann wird wieder getanzt.

Das Tanztheater Münster zeigt im Kleinen Haus der Städtischen Bühnen eine Uraufführung von Charlotta Öfverholm: „4 Feet Under“ („vier Fuß tief“). Es geht um den Tod – und dabei vor allem um die Lust am Leben. Konfrontiert mit der Sterblichkeit wird der Lebenswillen zur Lebenswut, tiefste Verzweiflung bringt hingebungsvollste Liebe hervor, Diskussionen um Glaubensfragen und Gotteszweifel prallen aufeinander. Öfverholm zeigt traurige und berührende Momente, aber auch fröhliche und ironische Szenen.

In 70 Minuten entfaltet die schwedische Choreografin einen großen Bilderbogen über Leben und Tod. Dabei werden auch kleine Geschichten erzählt. Zum Beispiel die eines Paares: Vor dem Hintergrund des brandenden Meeres ringt der Mann mit seiner Verzweiflung. Die Frau versucht, ihn festzuhalten, schafft es schließlich auch, einen Moment sind sie in Liebe vereint – doch dann reißt es ihn doch weg. Eine andere Frau streut Blütenblätter um seinen Körper und besiegelt mit dieser Geste das Endgültige des Abschieds.

Das Aufeinanderprallen der Gefühle im Moment des Sterbens wird bei Öfverholm zu Bewegungsenergie. So ist ein Trauerzug zu sehen. Tänzer in grauen Kitteln, schieben sich im Schneckentempo vorwärts, alle in Reih und Glied. Eine bricht aus, rast wie bessessen über die Bühne. Schließlich rennt sie in vollem Tempo auf den Bühnenrand zu, springt ab, wird im letzten Moment aufgefangen, fast schon über den Köpfen der Zuschauer.

Charlotta Öfverholm bezeichnet ihre Art des Tanztheaters als „physical theater“. Es ist eine Kombination aus einer sehr kraftvollen Bewegungssprache und schauspielerischen Szenen. In einigen Szenen treten die Tänzer an die Mikros auf der Bühne. Einmal erläutert eine Tänzerin immer panischer ihre Erkenntnisse zu Leben und Tod: „You know what I mean.“ – Nein, was sie meint, wird nicht wirklich klar – und geht schließlich in der Partystimmung im Hintergrund völlig unter. Ein andermal singt ein Tänzer ein geistliches Lied, inbrünstig und ernst. Vorausgegangen waren ein Disput zweier Tänzer über Gott und ein rituell anmutender Tanz, in dem sich Gesten des Betens mit sexuellen Anspielungen mischten.

Auf den Bühnenhintergrund werden in „4 Feet Under“ Videos von Anders J. Larsson projiziert: der vorbeiziehende Mittelstreifen einer unendlich geraden und eintönigen Straße, ein Chorknabe mit geöffnetem Rachen in extremer Zeitlupe, das Meer, Körper junger Menschen auf der Straße liegend. Die Videos erzeugen Assoziationen, teilweise brechen sie das Geschehen auf der Bühne ironisch, teils unterstreichen sie die Stimmung. Die vom Band abgespielte Musik tritt gegenüber den starken Bildern und dem gesprochenen Wort in den Hintergrund. Sie arbeitet mit Rythmen und Geräuschen, greift aber auch auf eine Komposition von Alvina Lanselle und Stücke von Michael Nyman, Henry Purcell, Vladimir Vysotskij und dem Kronos Quartet zurück.

20.3., 10., 20.4., 1., 4., 10., 23., 28.5., Tel. 02 51/ 5909 100, www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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