Charles Bradley: „No Time For Dreaming“

Von Ralf Stiftel ▪ Charles Bradley feat. The Menahan Street Band: No Time For Dreaming (Dunham Records/Groove Attack). Diese Stimme bringt gleich beim ersten Song Verstärker und Boxen an die Grenze der Leistungsfähigkeit.

Zu viel Gefühl für glatten, gefälligen Sound. Das kratzt wie das Leben, wenn Charles Bradley singt „The World is Going up in Flames“. Kein Wunder, der Sänger hat einiges durchgemacht in seinem Leben, Jahrzehnte lang als Koch an verschiedenen Orten gearbeitet, nie eine Chance als Sänger bekommen. Und dann erschoss in einem Familiendrama auch noch sein Neffe seinen Bruder. Mit 62 Jahren nimmt er seine erste Platte auf einem Label von Daptone auf (die haben auch Amy Winehouse herausgebracht), und die Begleitband um den Gitarristen und Produzenten Thomas Brenneck erzeugt einen grandiosen 60's-Retro-Sound, ganz nah an dem rauen Soul der Stax-Studios und von James Brown. Der wiederum ist Bradleys großes Idol, und man hört es. Diese Scheibe ist eine der besten Soulplatten der letzten Jahre, mit einer Stimme, die den Hörer schwindeln lässt, die berauscht und becirct, kraft- und gefühlvoll zugleich. Er singt von den harten Fakten, von den Gettos und dem Leben auf der Straße, die er kennt. „It's a Cold Cold World“, heißt es in „Golden Rule“, und das ist, so wie er es herausbringt, keine Floskel, sondern ein weltliches Gebet. In „No Time For Dreaming“ ruft er hinreißend dazu auf, sich der Wirklichkeit zu stellen. So einfach die Worte, und so nüchtern: Man höre nur „How Long“, seine herzzerreißende Klage über die Zustände, über dem unerbittlichen Sekundentakt der Band. Dieser Mann fängt spät an und ist bereits ein vollendeter Künstler.

Quelle: wa.de

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