Yannick Nézet-Séguin dirigiert das London Philharmonic Orchestra in Dortmund

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Yannick Nézet-Séguin in Dortmund

DORTMUND - Stimmungsfarben und Struktur aufzufächern und zusammenzuhalten ist eine große Stärke Yannick Nézet-Séguins. Erst 36 Jahre alt ist der Kanadier, für diese jungen Jahre hat er eine große Dirigentenkarriere schon hinter sich – und einiges vor sich. Sein Auftritt im Konzerthaus Dortmund strotzte vor Energie und Ideen.

Von Edda Breski 

Der Dirigent

Yannick Nézet-Séguin, Jahrgang 1975, stammt aus Montréal. Er studierte in Québec und Princeton Klavier, Komposition und Dirigieren. Seit 2000 ist er Chefdirigent des Montréaler Orchestré Métropolitain, seit 2006 auch des Rotterdam Philharmonic Orchestra und seit 2008 Erster Gastdirigenten des London Philharmonic Orchestra. 2012 wird er Musikdirektor des Philadelphia Orchestra.

Mit dem London Philharmonic Orchestra führte er Beethovens fünftes Klavierkonzert auf, mit Lars Vogt als Solist, und Mahlers fünfte Sinfonie. Nézet-Séguin und Vogt finden sich zu einer Interpretation voller Reibungspunkte. Vogt spielt einen Beethoven, der an der Oberfläche geradlinig erscheint und gerade deshalb so widerständig ist. Er lässt die beiden hervorragenden Charakterzüge des Konzerts – das Triumphierende, Strahlende und das Empfindsame – aufeinander prallen und sich aneinander reiben. Er donnert und stürmt – fast lautmalerisch unterstützt vom Orchester –, spielt Arpeggien so hart, als lösten sie sich wirklich von den Saiten einer Harfe, um den Sturm mit leichter Hand abzufangen und in den Seitenthemen zart aufzulösen. In der Kadenz des ersten Satzes jagt er das Thema im scharfen Lauf die Tonleitern hoch, die Hatz mündet in einer rhythmisch punktierten Version der zart klingenden Akkorde aus dem Seitenthema. Nur nach der Kadenz erfüllt ein diffuses Licht sein Spiel, wie im Vorgriff auf das Adagio. Doch wo Nézet-Séguin das Orchester den zweiten Satz pastoral beginnen lässt, setzt Vogt mit eigenartiger Härte ein, betont jede Note, als biete sie Schutz vor allzu viel Gefühligkeit.

 In seiner Zugabe, dem Moment musical Nr. 3 von Schubert, zeigt Vogt mit einer ungewöhnlichen Direktheit und Akzentuierung, dass im romantischen Kosmos Empfindsamkeit und Schroffheit Zwillingsgeschwister sind.

Zum Mahler-Jubiläumsjahr hat Yannick Nézet-Séguin ein gewichtiges Wort mitzureden. Seine Interpretation der wohl beliebtesten Mahler-Sinfonie ist gewaltig und strukturklar, vom ersten Satz mit der berühmten Fanfare, dessen Ausbrüche hier eine kathartische Wucht bekommen und dessen Themenfetzen gegeneinander taumeln, bis zum groben Flitterzirkus des Konzertwalzer-Themas im zweiten; zum Adagietto, das hier ohne „Tod-und-Venedig”-Zuckerguss endlos ins Dunkel fließt, bis zur Dur-Erlösung des Schlusssatzes. Ein klassisches Drama in fünf Akten, in dem Mahler seine Position im Rückblick auf die Sinfonik des 19. Jahrhunderts verortete und in radikaler Innenschau den Blick in die Moderne wagte. Nézet-Séguin legt Querverweise und Reflexion bloß, durchmisst das Spannungsfeld der musikalischen Gedanken. Seine Interpretation ist – meist – dem Schönklang verpflichtet.

Mit dem London Philharmonic hat der Kanadier ein Orchester unter sich, das von einem Augenblick zum anderen von Schattierung zu Schattierung wechselt. Sein Klang kann geschmeidig sein bis zur Geläufigkeit – man erinnert sich, dass das London Philharmonic dafür berühmt ist, große Filmmusiken eingespielt zu haben. Nézet-Séguin schärft ihn bis ins Grell-Explosive, besonders in den ersten beiden Parts der Mahler-Sinfonie. Und im Beethoven-Konzert tritt das Orchester als selbstbewusster Partner neben dem Klavierpart auf, mit vibrierender Energie, revolutionärem Gestus und einer Klanggestaltung, die bei aller Konturschärfe luftig bleibt.

Quelle: wa.de

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