Van Cauwenberghs Choreografie „Varmen/Bolero“ in Essen

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Carmen (Adeline Pastor) und der Torero (Armen Hakobyan). Szene aus der Essener Choreografie. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN–Sie geht über die Bühne, das heißt: Sie schreitet. Carmen (Adeline Pastor) dominiert am Essener Aalto Theater Ben Van Cauwenberghs süffige Choreografie „Carmen/Bolero“, auch wenn sie zunächst nur den Takt von Georges Bizets Opernmusik lässig verschleift.

Der Essener Ballettdirektor programmiert mit seiner dritten Produktion erneut einen Publikumserfolg. Sie folgt im ersten Teil der Opernhandlung, setzt mit ihren vollendeten neoklassischen Formen auch eigene Akzente, die allerdings recht belanglos bleiben. Vor allem lässt sie nach Carmens Tod ihren Mythos als femme fatale auferstehen. Auf einer schwebenden Fläche, der niederen Nachrede finsterer Gestalten enthoben, trifft Carmen zu Maurice Ravels „Bolero“ ihre Konkurrentin Micaëla und ihre Männer (den Soldaten José, dessen Vorgesetzten Zuniga, den melancholischen Torero Escamillo) wieder. Sie begegnen sich in kurzen Zweisamkeiten, beiläufigen Verwicklungen, harmonischen Hebefiguren, in einer entrückten Atmosphäre. Der fehlt allerdings jede Spannung, Carmens Eigensinn ist reizlos in dieser leblosen Freiheit. Dennoch: Am Ende bleibt allein sie oben, majestätisch, selbstbewusst.

Van Cauwenberghs Tanzsprache ist elegant, äußerst eingängig und hat erzählerisches Potenzial. Adelina Pastors Carmen kennt keine Umschweife, geht mit athletischer Direktheit die Objekte ihrer Begierde an. Die charismatische Yulia Tsoi als Micaëla verklärt dagegen die klassisch-unnahbare Ballerina, die sich im Pas de deux keusch ihrem Verlobten José (Marat Ourtaev) entzieht. Dieser steht in der Oper als abgefeimter Schwächling im Zwielicht; Van Cauwenbergh zeigt dagegen, wie er am Ungleichgewicht der Gefühle verzweifelt. Als Spelunkenwirt Lillas Pastia beweist Wataru Shimizu wieselflinke Federkraft, Nour Eldesouki markiert das Autoritätsgehabe von Offizier Zuniga mit raumgreifenden Sprüngen. Viel tänzerischer Glanz also in der Aalto-Oper.

Auch musiziert wird tadellos; die Essener Philharmoniker unter Volker Perplies spielen neben einer Bizet-Collage und dem „Bolero“ auch Wolfgang Rihms dräuendes Orchesterstück „Das Lesen der Schrift“.

Vor allem ist „Carmen/Bolero“ aber ein optisches Ereignis – Dank der raffinierten Bühne Dimitrij Simkins. Eine Zerrspiegelwand vervielfacht das Geschehen; durch eine interaktives Videoinstallation (Frieder Weiss) verändern die Bewegungen der Tänzer das Bodenbild (oft Gemälde des Spaniers Antoni Tapiès), indem sie Schatten erzeugen oder den roten Pinselstrich eines Mundes freilegen. Immer wieder hinterlassen die Schritte Spuren: Ein weißes Rieseln oder rote Flecken, die wie Tropfen ins Wasser sinken und dann diffundieren – flüchtig wie Carmens Leidenschaften.

19., 20., 22., 24. Februar; 5., 10., 30. März.; 1., 10. April;

Tel. 0201/8122200

http://www.aalto-ballett-theater.de

Quelle: wa.de

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