„La Cantina Adrenalina“ ist ein musikalischer Spaß in Dortmund

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Hamlet und Ophelia in der Maske: Sebastian Graf und Eva Verena Müller schieben in der Dortmunder Musikrevue „La Cantina Adrenalina“ Beziehungsfrust. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Dortmund_Wenn er schon im Fußball verloren hat, der Dortmunder, dann soll er wenigstens einen Hamlet kriegen, wie es ihn noch nie gab. Also ran an die Streichfassung. So geht Regietheater!

Zumindest in der Produktion „La Cantina Adrenalina“. In der Musikrevue veräppelt das Schauspiel Dortmund den Theaterbetrieb und seine Klischees: den verklemmten Regieassistenten (Christoph Jöde im Pullunder), das heimliche Talent (Bettina Lieder als Kellnerin in der Theaterkantine), zwei Schauspielkollegen in einer On-Off-Beziehung (Eva Verena Müller, Sebastian Graf), einen schluffigen Dramaturgen (Andreas Beck) und diese Berliner Regie-Schnauze (Uta Holst-Ziegeler). Wenn sie den Stift ansetzt an Shakespeares Hamlet, grätscht die Band mit Elvis Presleys „A Little Less Conversation“ dazwischen.

Die 90 Minuten mit rund zweieinhalb Dutzend Songs sind ein großes Vergnügen. Die Schauspieler sind bestens aufgelegt und wirklich gut bei Stimme, die Band um Paul Wallfisch spielt famos. Sie dreht auf Rock, wenn die Regisseurin an ihrem schlechten Ruf arbeitet (Holst-Ziegeler röhrt Joan Jetts „Bad Reputation“) und zirkelt barocke Begleitfiguren zum verzagten „Gib‘ Dich zufrieden und sei stille“. Müller singt das brav wie ein Kirchenlied. Das musikalische Spektrum reicht bis zum Disney-Musical: „Küss‘ sie doch“ stammt aus „Arielle, die Meerjungfrau“.

Der lose Faden sind die „Hamlet“-Proben, die nach immer neuen Katastrophenmeldungen von der Probenbühne (Stromausfall, Überschwemmung) in die Kantine verlegt werden müssen. Stefanie Dellmann hat für ihr Bühnenbild Holztische und -Stühle vor einen breiten Tresen gestellt und links ein paar schäbige Automaten an die Seite (Kaffee, Süßkram).

Dort schmachtet die Kellnerin den Assistenten an. Bettina Lieder haut erst Klaus Hoffmanns „Salambo“ raus, als wär‘s ein Song von Kurt Weill, und piepst später schräg und schüchtern zur Quetschkommode. Christoph Jöde pusht sich mit den Black Eyed Peas („Let‘s Get Started“) und ist dann gleich wieder ganz verlegen. Ob das noch etwas wird mit den Beiden?

Am anderen Ende der Zweisamkeit sind die Schauspieler angekommen. In der Maske sitzen sie nebeneinander vorm Spiegel, werden zu Hamlet und Ophelia frisiert und ziehen mit Gerhard Gundermann Bilanz: „Ich kann mich nicht erinnern, warum ich grad bei dir hängen geblieben bin.“

Regisseur Christian Quitschke hält viele Geschichten in der Schwebe und vermeidet, dass aus der Kantinen-Revue eine selbstbezügliche Nummernfolge wird. Mit den üblichen Typen hält er sich nicht lange auf, etwa der frustrierten Diva: „Warum hab‘ ich so wenig Text?“

Stattdessen gibt es zauberhafte Szenen, wenn etwa zum melancholischen „3 1/2 Minuten“ von Dendemann Glitzerkonfetti regnet. Und dralle Situationskomik, als Mäusespeck ins Parkett fliegt und ein großes Ü-Ei aus dem Automaten springt. Oder wenn der Hamlet-Darsteller in Puffhose und Halskrause (Kostüme: Wibke Winterwerber) die Demütigungen der Regisseurin satt hat: Nach The Clashs „Should I Stay Or Should I Go“ entscheidet er sich für die Kneipe nebenan: „Ich geh‘ jetzt ins Hövels.“

Man rauft sich aber bald wieder zusammen, und gemeinsam wird improvisiert: Hamlet ist schlecht drauf. „Immer wenn ich traurig bin...“ Die Antwort stammt von Heinz Erhard: „Trinke ich ‘nen Korn.“ So geht Regietheater: „Dat ist jut, Kinder, richtig jut!“

Quelle: wa.de

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