A. K. Campbells „Apologia“ in Münster erstaufgeführt

+
Kristin (Regine Andratschke) und Sohn Peter (Aurel Bereuter) in „Apologia“ am Kleinen Haus in Münster. ▪

MÜNSTER ▪ Umgekippte Sektgläser und Flaschen auf der Bartheke, Häufchen von Sahnetorte auf dem Fußboden, daneben Bücher: Das ehemals aufgeräumte Appartement gerät am Ende zum Schlachtfeld. Wie es sich für eine Inszenierung familiären Gemetzels gehört. Die Schlacht liefern sich eine Mutter, ihre zwei Söhne und deren Freundinnen in Alexi Kaye Campbells Theaterstück „Apologia“. Unter der Regie von Petra Luisa Meyer zeigt Münster das Schauspiel in deutscher Erstaufführung. Von Anke Schwarze

Es fängt vielversprechend an. Die Familie trifft in einem modern-sachlichen Appartement aufeinander, probiert die ersten Scharmützel zwischen Kunstobjekten, einem Riesen-Goldhasen und einer vielfarbigen Andy-Warhol-Version von Karl-Marx. Also den Eckpfeilern des Lebens von Über-Mutter Kristin, Kunstgeschichte und 68er-Emanzipation. Dazwischen entfaltet die Konstellation von Kristin und ihrer Schwiegertochter in spe, Trudi, ihren Reiz – schwarzgekleidete Dame von Welt haut pastellfarbener jugendlicher Naiven ihre Prinzipien um die Ohren.

Doch bald verfällt das Stück in bekannte Muster. Campbell arbeitet die Liste von Generationenkonflikt, Frauenrechten, Bruderzwist, Fremdgehen und Kindes-Vernachlässigung ab. Und Meyers Inszenierung arbeitet nicht dagegen. Da reibt sich Claire, Schauspielerin und Freundin des jüngeren Sohnes, an Kristins antikommerziellem Kunstbegriff und rutscht auf der Hasen-Skulptur herum, einen Sitzplatz suchend. Als sie dagegen protestiert, sich künstlerisch zu prostituieren, rinnt verschütteter Wein wie Blut zwischen ihren Beinen hervor. Es folgen obligatorische Gewaltausbrüche und Koitusszenen. Eine Tortenschlacht konterkariert am Ende die ausgesprochenen Abschiedsfloskeln, auf der den Ausgleich symbolisierenden runden Theke herrscht Unordnung.

Die eindrucksvolleren Szenen dürfen den Schauspielern zugeschrieben werden. Regine Andratschke zieht alle Register in der dankbaren Rolle der Kristin. Scharf artikulierend zerschneidet sie mit ihren Überzeugungen das Leben der jüngeren Generation. Selbst durch ihre Riesensonnenbrille spürt man die abschätzenden Blicke. Sie ist herrisch und verletzlich.

Gut dosiert überzeichnet Lilly Gropper das Bemühen von Trudi, zu gefallen. Wie ein Hündchen läuft sie hinter Kristin her, biedert sich an. Ihr Tonfall mausert am Ende zu spröder Schärfe und konfrontiert Kristins politische Ideale mit Trudis christlichen. Aurel Bereuter spielt die beiden Söhne von Kristin. In der Rolle des smarten Bankers Peter fühlt er sich wohler als in der des weinerlichen Simon. Aber gerade hier gelingt ihm ein wunderbares Spiel mit Erwartungen. Er erzählt der Mutter eine Erinnerung, die auf Kindesmissbrauch deutet. Ihre ängstlichen Fragen ignorierend, baut er stur an einer Dramtik, die in Harmlosigkeit verpufft.

Claudia Hübschmann kann aus Simons Freundin Claire nicht viel mehr machen als ein schnippisches It-Girl mit Designerkleid und Armutsphobie. Ähnliches gilt für Hartmut Lange, der Kristins Liebhaber Hugh spielt. Ihm fällt die Rolle der sarkastischen Stimme aus dem Hintergrund zu, die er aber etwas prononcierter hätte ausfüllen dürfen. Am Ende steht niemand als Gewinner oder Verlierer da, dafür aber die Frage im Raum, inwieweit dieser Alt-68er-Konflikt heute noch aktuell ist.

26., 28., 29.9., ; Tel. 0251/5909100

http://www.theater.muenster.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare