Camille Henrot im Westfälischen Kunstverein

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Blick in den blauen Kunstverein: Camille Henrots Installation „The Pale Fox“ (Blassfuchs) in Münster.

Von Marion Gay MÜNSTER - Man ist eine blaue Kiste geraten: blauer Fußboden, blaue Wände, kein Fenster. Dazu bellt beunruhigender Husten aus dem Lautsprecher, in der Ecke türmt sich Krempel. Eigentlich möchte man gar nicht hier sein. Aber es hat auch etwas Einlullendes, etwas, das einen gefangen nimmt.

Die raumgreifende Installation „The Pale Fox“ von Münster überwältigt mit ihren Sinnesreizen. Nach Stationen in London, Kopenhagen und Paris kommt die international vielbeachtete Ausstellung der französischen Künstlerin erstmals nach Deutschland.

In „The Pale Fox“ ordnet Henrot mehr als 400 Fotografien, Tuschezeichnungen, Bronzeskulpturen, Diagramme, Bücher und Alltagsobjekte nach kulturellen, philosophischen und biologischen Prinzipien. Angefangen beim Babyalter, symbolisiert durch zwei Eier in einem Bronzeobjekt und einem Kinderfoto der Nichte, über die Adoleszenz und das Erwachsenenalter, verdeutlicht durch Bilder von Katastrophen und bedrohten Tierarten, endet der Rundgang entlang der Wand mit Fotos der New Yorker Skyline, Robert Oppenheimer und Atomexplosionen. Die Installation spiegelt unser Bemühen, der Welt und unserer Existenz Sinn zu verleihen, indem wir obsessiv Wissen ansammeln.

Der Titel bezieht sich auf die mythologische Figur des „Blassfuchses“ (Pale Fox) in der Schöpfungsgeschichte der westafrikanischen Volksgruppe der Dogon. Er ist der unermüdliche Kreative, der durch seine Ungeduld immer wieder die scheinbar perfekten göttlichen Pläne durchkreuzt. Er symbolisiert Chaos und Unordnung, gleichzeitig das Entstehen und Werden. So entstand der Legende nach durch ihn die Sonne. Die 1978 in Paris geborene und heute in New York lebende Künstlerin erkennt im Pale Fox ein Symptom unseres digitalen Zeitalters. Der von Neugier getriebene Mensch blickt nachts wie aus seinem Fuchsbau durch seinen Computer auf die Welt, auf seinem blassen Gesicht flimmert das Licht des Monitors.

Die Installation ist eine Weiterentwicklung der Ideen aus Henrots Videoarbeit „Grosse Fatigue“ von 2013. In dem 13minütigen Film, der auf der Venedig Biennale 2013 mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, überlagern sich Bilder aus Archiven und Bibliotheken. Nummerierte Papageienleichen, Schneckenhäuser, Landkarten, Notizbücher, Abbildungen von Planeten, Internetseiten – die gesamte Wissenschaft fliegt an uns vorbei. Dazu prasselt eine gehetzte Stimme: „… und die Menschheit entdeckte das Wissen über Geschichte und Natur, über Mineralien, Gemüse, Tiere und Elemente …“

Die Arbeit zeigt, wie der konstante Zugang zu Wissen unser Leben beherrscht und uns ruhelos macht. Nur noch ein bisschen mehr und es könnte uns in den Wahnsinn treiben. Die Künstlerin jedenfalls verzweifelte beinah beim Schneiden des überbordenden Materials. So sehr, dass sie anfing, die Symptome von Schizophrenie zu googeln.

Eröffnung heute, 19 Uhr;

bis 10.5., di – so 11 – 19 Uhr

Tel. 0251/ 46157; www. westfaelischer-kunstverein.de

Quelle: wa.de

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