Camilla Steinum zeigt im Kunstverein in Münster: „symptom, sympathy“

Eine mehrteilige Holzskulptur von Camilla Steinum, zu sehen in Münster. Foto: lettmann

Münster – Hohe Gitterwände gliedern den Ausstellungsraum des Westfälischen Kunstvereins in Münster. Schnell ist zu erkennen, dass hier kein Käfig für Platzmangel sorgt. Vielmehr muss man sich in Camilla Steinums Raum-in-Raum-Installation entscheiden, welcher Weg von Interesse ist: „symptom, sympathy“. Die norwegische Künstlerin, 1986 in Oslo geboren, fordert mit ihrem Einbau erstmal Umsicht vom Besucher. Wer den labyrinthischen Weg nimmt, steht zwischen Sitzhockern und Büchern („Lynne Kelly: Memory Craft“), die auf Steinums Gedankenarbeit verweisen. Mit welchen Techniken versucht sich der Mensch zu erinnern? Was gibt es kulturhistorisch zu entdecken, wie können wir unsere Merkleistung verbessern? „Mein Gedächtnis ist nicht so gut“, sagt Camilla Steinum mit einem Lächeln in Münster. Sie nutzt Bild-Techniken, um sich Zahlen besser merken zu können. Für die 22 denkt sie an Nonnen, die 63 verbindet sie mit Marmelade. Für alle zweistelligen Zahlen hat sie persönliche Bilder. Und solche Mnemotechniken haben auch historische Vorläufer.

Camilla Steinum denkt an Methoden indigener Völker, an archaische Gedenkstätten wie Stonehenge in England und an die Kindheit, die so prägend für den Menschen ist. Wie beeinflusst die Erinnerung unser Leben heute? So lässt sich der Kunstverein auch wie ein großer Laufstall erleben. Die lila gestrichenen Holzstäbe sind 2,40 Meter hoch, und es ist spürbar, dass einen diese Dimension regrediert, also ein wenig ins frühere Stadium seiner Menschwerdung zurückversetzt. Die einfachen Schlangenskulpturen aus Holz passen dazu – mit changierenden Farbbemalungen und Zahlenreihen wie 7, 29, 8, 1. Eventuell stoßen sie beim Betrachter verschiedene Bedeutungen an. An den Wänden sind Spielkarten abgelegt, die ohne Symbole und Zeichen auskommen. Sie habe nur Rückseiten zeigen wollen, sagt Steinum. Ihr gefällt die Frage nach dem Dahinter, was wird im Spiel verborgen, was verbindet den Spieler mit dem Kartenwert? Es ist auch ein Versteckspiel. Die Norwegerin, die immer wieder Alltagsgegenstände für ihre Kunst aufgreift, fokussiert gern auf Gebrauchsweisen.

Zwei textile Decken hängen an der Wand, und Steinum hat mit schwarzen Bänden die „Liegefläche“ verengt und struktuiert. Eine Ecke ist beispielsweise kenntlich gemacht. Das Raumangebot der Decken aus kuscheligem Vliesstoff wird strukturiert. Menschen lassen sich leiten, weiß Camilla Steinum, „sie brauchen Anweisungen.“ Schwarze Gürtel aus Gummi hängen vom Laufstallgitter herunter. Wer will sie einsetzen und wie?

Wie wird das Raumangebot im Kunstverein vom Publikum genutzt? Welche Wege werden eingeschlagen? Gerade in Corona-Zeiten ist Anpassungsfähigkeit gefragt. Was die einen akzeptieren, um sich sicher zu fühlen, bringt andere in Not, weil ihr Lebensspielraum verengt wird. Camille Steinum spürt gern Ambivalenzen nach. Eine Kernfrage ist für sie, wie man sich im Raum und in der Welt fühlt? Vielleicht ist unser Gedächtnis dabei das wichtigste Organ und steuert uns anhand von Erinnerungen, ohne das wir eingreifen können? Welchen Anteil haben unsere Medien?

Steinums Gedanken werden konzeptionelle Kunst in Münster, die im Parcours der Objekte allerdings die Komplexität der Auseinandersetzung nicht spiegeln kann.

In einem Kabinettraum ist eine vielteilige Holzskulptur spielender Hunde zu sehen, mit der die Künstlerin das Unvorhersehbare mit dem Arrangierten verdichtet. Es ist ein übergroßes Puzzle, das sich aus dem trägen Baukasten erhebt und eine Dynamik ins Teilesystem bringt, die über Bildgrenzen hinaus steuert. Steinums absichtsvolle Arbeit mit Materialien wird hier spürbar.

Die Künstlerin hat 2012 ihr Studium an der Nationalen Akademie in Oslo abgeschlossen. Eine Einzelausstellung führte sie im Sommer nach Göttingen. Von der Berliner Galerie Soy Capitán wird sie vertreten, Camilla Steinum lebt in Oslo und Berlin.

Samstag ist Eröffnungstag, 11 – 19 Uhr; die Künstlerin ist anwesend. Bis 17. 1. 2021, di-so 11 – 19 Uhr; Künstlerbuch; Tel. 0251/46 157; www.westfaelischer- kunstverein.de

Quelle: wa.de

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