Burghart Klaußner in „Don Carlos“ bei den Ruhrfestspielen

+
Großes Theater bei den Ruhrfestspielen: Szene aus Schillers Drama „Don Carlos“ mit Matthias Reichwald und Burghart+ Klaußner (rechts). ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Was wird aus Menschen, die zu lange im Magnetismus der Macht leben? Mit dieser Frage setzt sich Roger Vontobels Inszenierung von Schillers „Don Carlos” auseinander. Das Stück entstand am Staatsschauspiel Dresden und wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, nun war es bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. Prominent besetzt ist es mit Burghart Klaußner, regelmäßiger Gast am Schauspiel Bochum und Filmdarsteller („Das weiße Band“).

Bestechend ist die Aufarbeitung der psychologischen Verstrickungen und der Widersprüchlichkeiten. Carlos bestürmt die Königin, indem er ihr ihre Position am Madrider Hof vor Augen führt – als Ausstellungspuppe von Philipps Macht. Posa überredet Carlos, sich für die flandrischen Provinzen einzusetzen, indem er ihn in die Arme nimmt und ihm gibt, wonach er sich sehnt: Liebe und Halt. Noch vor seiner Erschießung durch Alba ringt Posa seinen Jugendfreund nieder, hält ihn mit Armen und Beinen fest und zwingt ihn, sich der Erkenntnis zu stellen – selten wird die Stärke des Marquis, seine unüberwindbare Überzeugung nämlich, so deutlich gemacht. Matthias Reichwald gibt den Posa als etwas ungelenken Idealisten. Er ist der Sohn, den Philipp sich heimlich wünscht. So erhält der Dialog zwischen Monarch und Posa eine besondere Bedeutung, als Posa eindringlich spricht und dann, in dem berühmten Zitat von der Gedankenfreiheit, das Pathos hinausnimmt. Reichwald meistert wunderbar die Fallhöhe zwischen privat und Staat, und seine Begegnung mit Sonja Beißwengers dunkler, starrer, einsamer Königin ist bewegend. Christian Friedels Carlos ist ein Haltloser mit Welpencharme, ein Einsamer mit dissoziativer Störung: Er führt in seiner Hilflosigkeit Dispute mit sich selbst.

Alle stehen ständig unter Beobachtung. Gazevorhänge deuten die Sommerfrische von Aranjuez an, doch hinter den Vorhängen stehen Bedienstete, die jedes Wort, jede Regung notieren. Später ist das Halbrund ein graudunkler Konferenzsaal mit audiovisuellen Übertragungen aus dem Hintergrund.

Die Stärke Vontobels ist, dass er nicht vordergründig auf die Deutung des „Don Carlos” als Studie eines Überwachungsstaates setzt. Das Element der Überwachung ist omnipräsent, aber unaufdringlich. Die Rolle des Großinquisitors spielt Lore Stefanek, die vorher als Bedienstete durch die Szenerie huscht. Die wahre Macht ist nicht sichtbar, sie begnügt sich mit der Existenz im Zwielicht und schickt ihre Kreaturen vor, die sich in der Illusion ihrer Bedeutung zwischen den Kulissen der Machtinszenierung tummeln. Das wird überzeugend gespielt von Burghart Klaußner, der seine stämmige Gestalt vorwärts wirft, aus den Posen seiner Herrschaft heraus plötzlich wie eine irregehende Billardkugel herumschießt, zwischen Haltung und Qual. Seine zerstörte Beziehung zu Carlos entspricht der Hassliebe des Königs zum Großinquisitor. Vontobel betont damit die Zirkelstruktur des Dramas. Das alles ist in keinem Moment plakativ.

Für das intensive Kammerspiel gibt es im ausverkauften Festspielhaus Ovationen.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare