Bundeskunsthalle in Bonn zeigt „Napoleon - Traum und Trauma“

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Zum Gott überhöht malte Ingres 1806 „Napoleon auf dem Kaiserthron“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BONN–Wahrlich göttlich blickt Napoleon dem Betrachter entgegen. Gehüllt in strahlend weißen Hermelinpelz und schweren roten Brokat, umglänzt von Gold in Stickereien, an zwei Zeptern und am mächtigen Thron, ruht der Kaiser Frankreichs überlebensgroß in seiner Glorie. Jean-Auguste-Dominique Ingres malte den Herrscher 1806 als Jupiter, als Höchsten des antiken Götterhimmels. Drunter taten sie's nicht zu jener Zeit, auf dem Gipfel der Macht, als Napoleon Europa beherrschte.

Das 2,60 Meter hohe Gemälde ist in der Kunst- und Ausstellungshalle zu sehen, in der Ausstellung „Napoleon – Traum und Trauma“. Es ist die erste Gesamtschau auf den Korsen in Deutschland und die erste seit 40 Jahren in Europa. Schon der Titel vermittelt, dass eine differenzierte Darstellung versucht wird abseits der Klischees. Den Besucher erwartet ein opulentes Historienpanorama, ein Gang in die Geschichte mit rund 400 Exponaten. Darunter sind kostbare Stücke wie der originale Hut und Gehrock Napoleons und Möbel, die er auf dem Schlachtfeld benutzte, Gemälde von Ingres, Jacques Louis David, Antoine-Jean Gros, Dokumente und Zeitzeugnisse. Kuratiert wurde die Schau von jungen französischen Kunsthistorikern, Bénédicte Savoy und Yann Potin. Es spricht für die Qualität des Projekts, dass es im Anschluss im Pariser Musée de l'Armée gezeigt wird, in unmittelbarer Nähe von Napoleons Grab und dem zentralen Gedenkort der Grande Nation für ihren Führer.

Napoleon (1769–1821) hat schon immer polarisiert. Der Sohn eines korsischen Adligen und Richters machte vor allem als brillanter Militärstratege der Revolutionsarmee Karriere. Vom Hauptmann avanciert er zum General, danach folgt die politische Laufbahn, angefangen mit der Ernennung zum Ersten Konsul auf Lebenszeit im Jahr 1802. Napoleons Herrschaft war ein Familienbetrieb: Sein Bruder Joseph handelte Staatsverträge aus, Jérôme wurde zum König von Westphalen ernannt. Heiraten durften Familienmitglieder nur mit seiner Erlaubnis, um sicher zu stellen, dass die Dynastie Bonaparte europaweit vernetzt wurde.

Seine Verehrer – und lange galt er in Frankreich als sakrosankter Nationalheld – preisen nicht nur den Beitrag zur nationalen Einigung und den Machtgewinn für Frankreich. Napoleon schuf mit seinem Code Civil ein Gesetzbuch, das noch heute in unserem Nachbarland gilt und das für die Rechtssysteme vieler Staaten vorbildhaft war. Darin bewahrte er das Erbe der Revolution mit Grundsätzen wie der Gleichheit aller vor dem Gesetz, dem Schutz des Einzelnen und des Eigentums und der Trennung von Kirche und Staat. Aber auch in anderer Hinsicht prägt seine Herrschaft Europa bis in die Gegenwart. So setzte er die in der Revolution entwickelten metrischen Maße durch, überall galten Meter und Liter und Kilogramm statt viele, von Ort zu Ort verschiedener Messeinheiten wie einst. Er baute die Infrastruktur aus mit einem optischen Telegrafensystem und einem Straßennetz, das die Ränder des Reichs mit dem Machtzentrum Paris verknüpfte. In Napoleons Reich wurden Grundlagen moderner Verwaltung geschaffen.

Das ist der Traum. Daneben stand die blutige Expansion mit Millionen von Opfern. Auch der Kritik am Kaiser bleibt die Schau nichts schuldig, ja hier wartet sie mit einigen der eindringlichsten Stücke auf. Gleich am Anfang sieht man hinter einer Kanone den Brustpanzer des Karabiniers Francois-Antoine Faveau, den bei Waterloo eine Kanonenkugel durchschlagen hat. Den Preis von Napoleons Aufstieg zahlten die Soldaten, die für ihn starben. Ein Kapitel schildert die Kriegsführung jener Zeit, und besser kann man kaum für Pazifismus werben. Die napoleonische Armee war auch in der Kriegsmedizin fortschrittlich. Während in früheren Zeiten Verwundete sich selbst überlassen blieben, entwickelte Dominique-Jean Baron Larrey Behandlungstechniken. Im Vordergrund standen Amputationen, um Infektionen zu verhindern. Sägen, Zangen, Bohrer und Prothesen vermitteln ein schauerlich unheldisches Bild vom Krieg. Ebenso die Zeichnungen des Russlandfeldzugs von Christian Wilhelm von Faber du Faur und Charles Bells Aquarelle von Kriegsversehrten, die an Drastik späteren Bildern von George Grosz und Otto Dix ebenbürtig sind.

Die Ambivalenz Napoleons gibt der Schau trotz aller Nüchternheit große Wucht. Im einen Moment bewundert man, wie brillant der Herrscher sich der modernen Propaganda bedient. Seinen Einzug in München ließ er als Kirmes malen: Begeisterte Bayern in Trachten empfangen den Kaiser hoch zu Ross, man tanzt, jubelt, schwenkt Hüte unter blauem Himmel. Doch das Gemälde von Nicolas-Antoine Taunay (1808) ist eine Lüge: Tatsächlich fuhr der Kaiser um neun Uhr abends in der Kutsche in die Stadt. Peinlich oder komisch findet man heute den Personenkult in Gemälden und Denkmälern wie der 44 Meter hohen Triumphsäule in Paris, von der ein „nur“ 177 cm hohes Modell gezeigt wird. Dann wieder provoziert die Ausplünderung des Kontinents: Systematisch wurden Kunstschätze und Archive nach Paris überführt, wo im Louvre ein zentrales Museum Europas entstehen sollte. Auf die kulturelle Identität der Beraubten nahm Napoleon keine Rücksicht.

Emotionale Wechselbäder: Mal inbrünstige, geradezu religiöse Verehrung bis hin zum Reliquiar mit Erinnerungsstücken. Dann wieder höhnische Karikaturen und andere Schmähungen. Traum und Trauma eben.

Napoleon – Traum und Trauma. Bundeskunsthalle Bonn, bis 25.4., di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228 / 9171 200, http://www.bundeskunsthalle.de

Katalog 32 Euro, im Buchhandel Prestel Verlag, München, 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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