Bundeskunsthalle Bonn zeigt Max Liebermann

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Die Strandszene bei Noordwijk hielt Max Liebermann 1908 in Öl fest, zu sehen in Bonn. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BONN–Für Bilder wie dieses liebte man Max Liebermann: Am „Strand von Noordwijk“ spürt der Betrachter förmlich den Wind, der die weißen Kleider der Sommerfrischler bauscht. Im Hintergrund plätschern schaumgekrönt die Wellen auf den Sand. Und am blauen Himmel jagen die Wolken dahin. Die Flüchtigkeit eines glücklichen Sommertags – Liebermann hat sie 1908 perfekt in Malerei übersetzt. Skizzenhaft wirkt das, man erkennt kaum Gesichter, alles ist Andeutung, Impression. Aber die Stimmung ist getroffen.

Liebermanns Bild erfreut gerade die Besuchergruppen in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn. Mit mehr als 100 Werken aus allen Schaffensphasen gibt das Haus eine Übersicht über die reiche Produktion des Malerfürsten des Kaiserreichs. Die Ausstellung „Max Liebermann. Wegbereiter der Moderne“ ist eine sichere Bank, was Besucher angeht.

Impressionismus zieht immer, primär der französische von Renoir, Degas, Manet. Aber auch ein vertrauter Meister wie Liebermann lockt, selbst wenn der Ausstellungstitel ein Etikettenschwindel ist. Ein Wegbereiter war Liebermann (1847– 1935) als Maler kaum, da reagierte er vor allem auf Impulse von andere. Anfangs waren das die Freiluftmaler der Schule von Barbizon, später ließ er sich von der Haager Schule anregen. Auch die Impressionisten, die der Fabrikantenerbe so qualitätsbewusst und umfangreich sammelte, blieben in seinem Schaffen nicht spurenlos. Liebermann war definitiv kein Avantgardist, auch wenn er zunächst 1898 die Akademie verließ, um die Secession mitzugründen. Schon 1910 trat er zurück, weil er die Farbauffassung der Expressionisten nicht teilte. Seine kulturpolitische Bedeutung zeigte sich darin, dass er 1910 zum Ehrenpräsident der „Freien Secession“ gewählt wurde, auch von Expressionisten wie Barlach und Beckmann, und 1920 gar Präsident der Akademie. Kulturpolitisch freilich war er ein Wegbereiter, ein überaus toleranter Ermöglicher, der zudem durch seine Sammlung, die er jungen Kollegen öffnete, die Impulse der internationalen Entwicklung weitergab.

Das Großbürgertum liebte ihn sowieso, man ließ sich von ihm porträtieren und kaufte die Bilder aus dem prunkvollen Atelier direkt am Pariser Platz. Liebermann war reich, unabhängig, erfolgreich. Das lässt sich unmittelbar nicht ausstellen. Indirekt schon: Man sehe nur auf die Porträts. Den Industriellen Carl Duisberg malte er, den Dichter Gerhart Hauptmann, Frau Kommerzienrat Bertha Biermann, den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Aber wie er sie malte. Den massigen Körper des Freiherrn Alfred von Berger präsentiert er ungeschönt. Die Chemnitzer Kaufmannsgattin Lola Leder porträtiert er im leichten Kleid, schulterfrei auf der Chaiselongue, als wär sie seine Geliebte. Sich selbst zeigt er ebenso selbstbewusst wie schonungslos – man sehe nur sein famoses Selbstbildnis von 1910: Der Grandseigneur im edlen Anzug, die Hand leger in der Tasche, in der anderen die Cigarette, keine Falte geglättet, die Augenringe ebenso betont wie die Glatze. Aber welche Präsenz des Blicks!

Die Schau weist bedauernswerte Lücken auf. Hauptwerke wie die „Gänserupferinnen“ (1872), für die man ihn einen „Apostel der Hässlichkeit“ schalt und mit dem er beim Kaiser als „Rinnsteinkünstler“ durchfiel, und die „Rasenbleiche“ (1883) waren nicht zu entleihen. Andere kapitale Stücke sieht der Kunstfreund erst in der zweiten Station der Koproduktion, in der Hamburger Kunsthalle, wie den „Papageienmann“ (1902) aus dem Essener Folkwang Museum. Trotzdem ist die Schau sehenswert, wartet mit Leihgaben auf wie dem „Biergarten in Brannenburg“ (1893) aus dem Pariser Musée d'Orsay. Liebermanns Blick auf die Arbeitswelt vermittelt das großformatige Bild der „Gemüseputzerinnen“ (1880) überzeugend. Sein großes Skandalbild, den „zwölfjährigen Jesus im Tempel“, den er 1879 historisch korrekt als Judenjungen mit Schläfenlocken gemalt und als Reaktion auf die heftige, auch antisemitische Kritik später blondiert und aufgenordet hatte, das ist zu sehen. Und auch das souverän die Altmeister zitierende Selbstporträt mit Küchenstillleben (1873), das sonst wenig beachtet im Kunstmuseum Gelsenkirchen hängt, hat einen großen Auftritt.

Man mag an den Ambitionen des Titels mäkeln, die die Bilder nicht einlösen können. Aber die Schau bietet, in einer Mischung aus chronologischer Hängung und Themenräumen, einen imposanten Blick auf einen Künstler, der souverän sein Handwerk beherrschte, auf maßvolle Weise mit der Zeit Schritt hielt. Man muss ja nicht gleich alles zum kunsthistorischen Meilenstein hochjazzen. Liebermanns lichtdurchflutete Bilder, seine virtuose Schilderung flüchtiger Momente, sind für sich genommen Genuss genug.

bis 11.9., di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 91 71 200, http://www.bundeskunsthalle.de,

Katalog, DuMont Verlag, Köln, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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