Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt „Kleopatra – die ewige Diva“

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Viel nacktes Fleisch, kostbare Gewänder und ein unwiderstehliches Make-Up: Elizabeth Taylor bestimmt mit ihrer Filmrolle von 1963 bis heute unsere Vorstellung von Kleopatra.

Von Ralf Stiftel BONN - Entspannt liegt sie im Stuhl, so als schliefe sie nur. Die giftige Natter übersieht man fast, so dezent schlängelt sie sich an der Lehne entlang. Vor allem aber fällt auf, dass der Maler Guido Cagnacci „Die sterbende Kleopatra“ (1660-63) barbusig den Blicken preisgibt. Die nackte Schönheit war für den italienischen Barockmeister ein publikumswirksames Motiv.

Schon damals war die ägyptische Herrscherin (69–30 v. Chr.) ein Mythos. Eine starke Frau, nicht Gegenstand, sondern Handelnde in der Politik, bis zum selbst gewählten Tod, das gibt allemal wirkmächtige Bilder her. Die Bundeskunsthalle in Bonn spürt ihrer Faszination in der Ausstellung „Kleopatra – die ewige Diva“ nach.

Wenn wir heute an Kleopatra denken, erscheint uns vorm inneren Auge Elizabeth Taylor. Im Film von Joseph L. Mankiewicz spielte sie nicht nur die Königin so emanzipiert wie in keinem der drei Filme davor. Sie übertrug ihre Rolle ins Filmgeschäft: Liz Taylor wurde zur bis dahin bestbezahlten Hollywood-Schauspielerin. Und sie schuf Bilder, die bis in die Gegenwart nachwirken. In Bonn sind zwei Arbeiten von Andy Warhol zu sehen, die die Mimin in der antiken Rolle darstellen. Und Madonna ließ sich 2012 beim Super Bowl in Indianapolis auf einem Prunkwagen von hunderten Tänzern ins Stadion ziehen – eine direkte Kopie des Filmauftritts von 1963.

Madonnas Auftritt findet man leicht auf Youtube, leider nicht in der Ausstellung. Aber sonst überbrückt die Schau locker die Grenzen zwischen E und U-Kultur. So sieht man Michael Jacksons Video „Remember The Time“ mit Eddie Murphy als Pharao und Iman Abdulmajid als seiner Frau. Und natürlich gibt es einen Zusammenschnitt der großen Kleopatra-Verfilmungen, angefangen mit der Stummfilmfassung mit Theda Bara. Die Pharaonin lebte auch in der Werbung fort. 1962 schaltete Revlon eine Anzeige für den „Cleopatra“-Look mit dem Slogan: „Wenn Blicke töten können, wird es dieser...“ Schon 1917 warb Palmolive mit der Königin für Seife.

Die historische Kleopatra VII. war wahrscheinlich mehr als nur die Verführerin, die zwei römische Herrscher mit ihren Reizen dazu brachte, dem Imperium untreu zu werden. Sie beherrschte sieben Sprachen, war gebildet und dachte politisch. Dass sie mit Marc Anton ein römisch-ptolemäisches Reich stiften wollte, das das Mittelmeer umspannte, zeugt jedenfalls von einer klaren Strategie. Wie die Nachwelt sie sehen sollte, das versuchte der Sieger zu bestimmen, Octavian, der spätere Kaiser Augustus. Er bürdete ihr die Schuld auf am Bürgerkrieg zwischen Ost- und Westrom. Da zeichneten Staatshistoriker wie Plutarch, Properz und Horaz das Bild einer Dirne. Jedenfalls entzog sie sich mit ihrem Selbstmord der Demütigung, als Beute in Rom präsentiert zu werden. Diesen Akt der Selbstbestimmung konnte ihr die feindliche Propaganda nicht rauben.

Die Bonner Schau präsentiert in Themenräumen mehr als 200 Objekte. Darunter sind bedeutende Kunstwerke, von antiken Skulpturen über Gemälde und Grafiken aus Renaissance und Barock bis ins 20. Jahrhundert. Ein Frauenkopf aus dem British Museum zeigt vermutlich Kleopatra VII., nicht im ägyptischen, sondern im hellenistischen Stil. Originale Reliefs und eine meterhohe Replik stellen die Herrscherin und ihren Sohn Ptolemaios XV beim Opfer dar.

In der Renaissance wurde Kleopatra wieder populär. Zu verlockend war auch die Kombination einer tragischen Heldin mit Sex-Appeal. Michaelangelo zeichnete sie, das Blatt kommt aus den uffizien nach Bonn. Ihr spektakulärer Tod wurde oft gemalt, gezeichnet, gedruckt. Schon bei Denys Calvaert (um 1570) sehen wir eine Schlafzimmerszene, in der der Körper der Königin kokett ausgestellt wird. Im Barock wird das Geschehen dramatisiert. Guido Reni lässt Kleopatra um 1630 wie eine Märytrerin erscheinen, die Schlange schrumpft zum Würmchen, der Blick ist zum Himmel gerichtet. Wie anders Claude Vignon, bei dem die Selbstmörderin sich in Ekstase windet, mit einer deutlich größeren, geradezu phallischen Natter, so dass man weniger an einen Todeskampf denkt als an den „kleinen Tod“ des Orgasmus. Einen ganzen Saal füllen die Todesszenen, die einst die Betrachter zu Einfühlung und Identifikation brachten.

Fast ebenso populär ist die Episode mit der Perle, die Kleopatra in Essig auflöste und trank. Angeblich gewann sie so eine Wette mit Antonius, dass sie eine Mahlzeit von mehr als 10 Millionen Sesterzen verzehren könne. Das sieht man in Gemälden unetr anderem von Jan Steen ebenso wie auf einem monumentalen Bildteppich.

Im 19. Jahrhundert schmeckten die Künstler der Exotik nach. Eugène Delacroix lässt die Herrscherin einen Bauern empfangen. Hans Makart hingegen zeigt in immer größeren Formaten immer opulentere Szenen. Bei der Niljagd (1874/75) ist Kleopatra von dutzenden barbusigen Bogenschützinnen umgeben, man sieht ein Netz voller Fische, ein Krokodil, erbeutete Vögel, und es sieht aus wie eine Oper. Oder wie eine Vision des noch gar nicht existierenden Kinos.

So populär die Schau ihr Thema auch angeht, so ernst nimmt sie es doch auch. Und man lernt beim Gang durch Jahrhunderte, wie Kleopatra ein Rollenbild formulierte, das lange viel emanzipierter war als die Gesellschaft, die die Darstellungen der starken Frau genoss.

Kleopatra – die ewige Diva in der Bundeskunsthalle Bonn. Bis 6.10., di, mi 10 – 21, mi – so bis 19 Uhr,

Tel. 0228 / 91 71 200,

www.bundeskunsthalle.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 32 Euro

Quelle: wa.de

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