Bundeskunsthalle Bonn zeigt Ferdinand Hodler als Vorreiter der Moderne

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Ein Ritual der Schönheit: Ferdinand Hodlers „Heilige Stunde“ (1911) ist in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen.

BONN - Die vier Frauen, die Ferdinand Hodler auf seinem Gemälde versammelt hat, sehen sich ähnlich wie Vierlinge. Barfuß posieren sie wie Ausdruckstänzerinnen auf einer Rasenbank, oben und unten von einem Fries aus Blüten umgeben. Jede Hand liegt anders, jeder Kopf neigt sich besonders, die Körper biegen sich mal ein wenig vor, mal einen Deut zur Seite.

Der Schweizer Maler, der 1911 diese „Heilige Stunde“ verewigte, hatte sich von den esoterischen Zeitströmungen inspirieren lassen. Die vier Frauen sollen als Priesterinnen eines Schönheitskults erscheinen. Heute mag dieser Aspekt des Gemäldes eher verwirren. Es bleibt eine enorme Bildwirkung: Hodler setzt einen kraftvollen Farbakkord, indem er die blau getönten Kleider mit dem roten Grund kontrastiert. Die Farbflächen behandelt er geradezu nachlässig. Der Künstler will keine Illusionen erzeugen, sondern Zeichen setzen. Dazu genügt es, die Faltenwürfe des Stoffs mit flüchtigen Schraffuren anzudeuten. Blüten können bloße Tupfen bleiben. Die Künstlichkeit dieser Szene sticht ins Auge wie heute bei den surrealen Gemälde eines Neo Rauch. Bei Hodler reproduziert die Malerei keine Wirklichkeit. Sie formuliert eine eigenständige visuelle Erzählung.

Die „Heilige Stunde“ ist in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Die Ausstellung „Ferdinand Hodler – Maler der frühen Moderne“ rückt einen Künstler in den Blick, der zu Lebzeiten überaus erfolgreich war, in den letzten Jahren aber ein wenig vergessen wurde. Zu sehen sind rund 100 Gemälde und 40 Zeichnungen, meist Leihgaben aus Schweizer Sammlungen. Man erlebt eine prägende Figur zwischen Jugendstil und Expressionismus in großer Fülle.

Hodler ist kein einfacher Fall. Der in Bern geborene Künstler war mit 14 Jahren Waise, wuchs beim Onkel auf, half bei seinem Stiefvater, einem Dekorationsmaler, ehe er bei einem Vedutenmaler in die Lehre ging. Er bedachte stets, dass er von der Kunst leben musste. Er plante seine Karriere. In Ausstellungen achtete er darauf, dass seine Werke vorteilhaft präsentiert wurden. Er reichte große Bilder ein. Die fielen mehr auf. Schon mit 21 Jahren gewann er einen Preis für Landschaftsmalerei mit seinem Bild „Waldinneres“ (1874). Viele weitere folgten. Hodler pflegte die Kunstsammler, die Werke von ihm kauften. Und er setzte Tricks ein: So ließ er sich die Signatur extra honorieren.

In Bonn wird vor allem betont, dass Hodler ein Vorreiter der Moderne war. Viele Werke belegen das schlagend. Er arbeitete seriell, knüpfte bei Vorbildern wie Monet an. Seine späten Ansichten Schweizer Bergpanoramen und Blicke auf Genfersee und Thunersee deuten den Weg in die Abstraktion an. Er gibt die Lokalfarben auf, setzt auf kühle Blauschattierungen. In ihrer ruhigen Poesie erinnern die Werke an japanische Holzschnitte. Daran hat sich der späte Ernst Ludwig Kirchner orientiert, der Hodler einen „Großen“ nannte.

Er war ein souveräner Porträtist, schon früh wie beim famosen Bildnis des Mädchens Albertine Bernhard (um 1886), die er im Profil zeigt wie auf einem Renaissance-Bild, aber auch beim Bildnis Friedrich Neukomms (um 1881), den er mit Arbeitsschürze und Hammer malt, den Hemdsärmel aufgekrempelt, so dass die Tatkraft des Handwerkers unterstrichen wird. Man vergleiche das mit den Porträts der Sammlerin Gertrud Müller, die er 1911/12 mit nackten Schultern frontal darstellt, abstrahierend, mit einem Zug ins Monumentale. Er porträtierte sich oft selbst, probierte dabei Stimmungen aus. 1881 setzt er das akademische Helldunkel ein, wendet sich grimmig dem Betrachter zu, das Bild mit dem Untertitel „Der Zornige“ antwortet auf schlechte Kritiken. 1912 irritierte er einen Sammler, der ein Selbstbildnis bestellt hatte, indem er sich frontal mit aufgerissenen Augen darstellte. Vielleicht wollte er sich als Seher stilisieren. 1916 schmunzelt er dem Betrachter als freundlicher Onkel zu. Schon diese Bildstrecke macht großen Spaß.

Aber sein Ruhm verdankt sich auch den symbolschweren Bildern, die den Zeitgeist bedienten. Werke wie „Der Frühling“ (um 1910), ein nackter Jüngling und eine Maid in weißem Kleid auf einer Wiese, er frontal, sie im Profil, wobei er zu schweben scheint, die Figuren sind nicht mit dem Grund verbunden. Der „bezauberte Knabe“ (1893/94) steht auf einer Blumenwiese, hält mit spitzen Fingern in jeder Hand einen Blütenstängel. Hodlers Sohn stand Modell, so wie seine Frau in „Bewunderung“ (1903) wie ein Echo der Cranach-Nymphen posiert.

Das wirkt in seiner Künstlichkeit heute befremdlich. Aber Hodler hatte ein Markenzeichen gefunden. „Der Tag“ (um 1901) zeigt drei nackte sitzende Damen in Posen zwischen Yoga und Ausdruckstanz, wie bei einem Ritual. Damit lassen sich auch andere Emotionen bedienen. 1908/09 malte Hodler den „Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813“, ein Auftrag der Universität Jena. Das fünfeinhalb Meter breite Wandbild ist in Bonn zu sehen. Hodler fand mit diesem Pathos der Mobilmachung Anklang bei nationalistischen Kritikern, die das „Germanische“ an ihm lobten.

Im Weltkrieg endete die deutsche Begeisterung für ihn, als er 1914 in der Tribune de Genève einen Protestaufruf gegen die Bombardierung der Kathedrale von Reims durch die Deutschen unterschrieb. Die Münchner und Berliner Sezession entzogen ihm die Ehrenmitgliedschaft, das Wallraf-Richartz-Museum in Köln hängte seine Bilder ab, in Jena wurde sein „Auszug“ mit Brettern verdeckt.

Bis 28.1.2018, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 9171 200,

www.bundeskunsthalle.de,

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 35 Euro

Quelle: wa.de

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