Büchners „Woyzeck“ am Westfälischen Landestheater

Von Achim Lettmann ▪ CASTROP-RAUXEL–Woyzeck und Marie stehen unbeweglich und voneinander versetzt auf der Bühne der Stadthalle in Castrop-Rauxel. Ein gelb flirrender Showvorhang spannt sich hinter der schrägen Spielplattform, und die Inszenierung von Thilo Voggenreiter startet gleich mit einem atemlosen Moment. Als sich Marie zu Woyzeck wendet, drückt er ihr sein Messer in den Bauch. Kalt, regungslos, immerwieder und mit dem Willen, zu töten.

Die Aufführung des Westfälischen Landestheaters ist um weitere Irritationen nicht verlegen. Vor allem wenn gegen den gesprochenen Text von Georg Büchners modernem Klassiker „Woyzeck“ angespielt wird. Margret (Venus Hosseini) gibt sich dem geilen Tambourmajor (Bülent Özdil) hin, während sie ihrer Freundin Marie (Julia Gutjahr) vorhält, dass sie sich von dem Kerl wohl angezogen fühlt, statt ihre Unschuld zu bewahren. Büchners Thema von Tugend und Trieb, von Moral und Natur werden frühzeitig versimpelt. Später rutscht ausgerechnet der Doktor, den Burghard Braun als eitlen Besserwisser im Laborkittel zeigt, durch eine Urin-Pfütze, obwohl er Woyzeck beim Pinkeln gesehen und ermahnt hat. Hier wird für den vordergründigen Ekel die kausale Text-Bindung ausgehebelt. Warum?

Regisseur Voggenreiter stellt nach und nach das Personal einer Freizeitgesellschaft auf. Die Frauen in kurzen Röcken und rosa Stiefeletten, der Tambourmajor als billiger Aufreißer und Wodka-Säufer. Dazu spreizt sich der Hauptmann als Selbstdarsteller, der zum Mikro greift, wenn er Woyzeck kommandiert. Zur Rasur kommt es gar nicht, so selbstverliebt, narzisstisch und homoerotisch legt Guido Thurk den Hauptmann an. Zusammen mit dem Doktor, der Woyzeck mit einer Art „Waterboarding“ aus zwei Wasserflaschen quält, springt er in einer grotesken Slapstick-Einlage über die Showbühne. Motto: Schön ist, was gefällt. Solche abstrusen Figurenausreißer kulminieren im Techno-Rhythmus. Ramba-Zamba! Und zum deutschen Liedgut „der Jäger aus der Pfalz“ wird ein perverses Sittenbild bemüht, der Losung folgend, hier sind alle notgeil und durchgeknallt, nur Woyzeck passt nicht zu den Sex-Spaß-Monstern.

Das Regie-Muster, den Täter aufgrund der Verfehlungen seiner Mitmenschen frei zu sprechen, ist weder neu noch zu Büchners Vorlage erhellend. Es drängt sich die Ahnung auf, dass „Woyzeck“ in Castrop-Rauxel nur als Erzähl-Schablone herhalten muss, um nach den Werten unserer von Medien dominierten Freizeitgesellschaft zu fragen. Roni Merza spielt Woyzeck als wortkargen, gewaltbereiten Mann, der etwas Geld für sein Kind bei Marie abgibt, aber ein von Halluzinationen und Honoratioren geplagter wie missverstandener Mensch bleibt. Als eine alte Frau (Vesna Buljevic) gegen die „gottlose Welt“ auftritt, wird Büchners „Woyzeck“ von der Regie-Kolportage gänzlich zerrieben. Marie liest eine lange Bibelstelle, in der Jesus einer untreuen Frau, die ihren Seitensprung bereut, verzeiht. Ob mit Hilfe des Neuen Testaments das Stück ein anderes Ende haben kann, lässt Regisseur Voggenreiter offen.

Termine: http://www.westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

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