„Buddenbrooks“ nach Thomas Mann am Prinz Regent Theater Bochum

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Szene aus „Buddenbrooks“ in Bochum mit Renate Becker, Jakob Schmidt, Katrin Schmieg, und Wolfram Boelzle (von links). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Es ist eine Dressur: Der kleine Hanno setzt sich in den Bürostuhl, die Ellbogen aufgestützt, die Hände unter dem Gesicht verschränkt. Ganz wie sein Vater Thomas Buddenbrook, der Firmenchef in der dritten Generation, der nun neben ihm Platz nimmt. Da ahnt man: Der Matrosenanzug gewährt dem Knaben nur noch eine kurze Schonfrist.

Mit John von Düffels „Buddenbrooks“ nach dem Roman von Thomas Mann eröffnet das Prinz Regent Theater in Bochum die Spielzeit. Das Off-Theater feiert seinen 20. Geburtstag, und mit Regisseurin Sibylle Broll-Pape ist noch eine Gründerin des Hauses aktiv.

Broll-Papes Inszenierung. Sie konzentriert sich auf die ökonomische Seite der Geschichte. Die Buddenbrooks, das ist hier eine Firma, und was traditionell als privates Ereignis genommen wird, nimmt die Familie als Geschäftsvorgang. Das gilt für die Verehelichung der Tochter Tony ebenso wie für die Übernahme der Firmenleitung nach dem Tod des Vaters. Über Gefühle, Freude oder Trauer, wird nicht gesprochen. Stattdessen werden Geldbeträge genannt, die 80 000 Mark Mitgift, die 750 000 Mark Betriebskapital und die Ab- und Zugänge durch Erbschaften und neue Teilhaber. Gerade diese Kassenstürze sind in Bochum zyklisch inszeniert, als institutionalisierte Vorgänge.

John von Düffel hat den Roman glücklich auf die Geschichte der Geschwister Thomas, Christian und Tony kondensiert. In Bochum sieht man vorn eine Puppenstube, an der Hanno Zinnfiguren der Familie aufbaut zu immer neuen Familienbildern, mal mit dem neuen Schwiegersohn Grünlich, mal ohne den verstorbenen Patriarchen. Eine Videokamera filmt die Szenerie als projiziertes Bühnenbild. Wenn der Knabe das Personal neu aufstellt, ist das eine spielerische Entsprechung zum „Leben“. Alles ist geschäftliche Strategie. Wo Broll-Pape die Aktualität des Stückes sieht, das zeigt die Szene zwischen Grünlich, dem alten Buddenbrook und dem Bankier Kesselmeyer (von Katrin Schmieg als smarte Geschäftsfrau angelegt). Der Konsul will nicht bürgen, die Bankerin versucht ihn mit kaum verhüllten Drohungen dazu zu bringen, zu zahlen und damit ihren Profit zu mehren. Da klingen die Argumente bei Grünlich kaum anders als bei Griechenland.

Das Ensemble spielt konzentriert und facettenreich: Wolfram Boelzle gibt Thomas Buddenbrook als bis zur Selbstverleugnung pflichtbewussten Firmenpatriarchen, mit schneidender Kälte. Stephan Ullrich legt Christian in kräftigen Farben zwischen Komik und Tragik an, trägt seine Erzählung aus London mit der Verve des Slam-Poeten vor, zeigt den späteren Zusammenbruch mit viel Pathos. Lydia Schamschula zeigt schön, wie Tony sich ihre Empfindungen nach und nach dem Familieninteresse unterordnet. Sehr fein spielen Renate Becker und Frank Trunz das Konsulpaar, lassen unter der altmodischen, mit französischen Wendungen durchsetzten Sprache die unterdrückten Gefühle anklingen. Christoph Wehr verwandelt sich verschiedene Männerrollen an, vom schleimernden Grünlich bis zum bayrischen Urviech Permaneder.

14., 15., 16.10.,

Tel. 0234/771 117,

http://www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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