Buchkritik: John Burnside: Lügen über meinen Vater

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John Burnside

Von Ralf Stiftel ▪ Dieses Buch handelt von tiefen Verletzungen. Die schlimmste davon ist nicht, dass der Vater das Lieblingsspielzeug des sechsjährigen John verbrannte, den Teddy „Sooty“, weil der auf dem Boden herumlag.

Der Autor schickt seinem Buch voraus, dass man es „am besten als ein Werk der Fiktion“ läse. Tatsächlich handelt es sich um eine autobiografische Abrechnung von John Burnside mit seinem wirklichen Vater. Und mit sich selbst.Burnside, geboren 1955, gehört zu den wichtigsten schottischen Lyrikern und Romanciers. Seine Bücher „Die Spur des Teufels“ und „Glister“ sind auch auf deutsch erschienen – keine Stapelware in den Buchläden, aber herausragende Literatur. Sie spielen in düsteren Orten, schildern mit grausamer Poesie Ereignisse, die ein Teil Geheimnis wahren. Den Ton dieser Bücher findet man in „Lügen über meinen Vater“ wieder. Einmal schildert Burnside, wie er als Junge ein verlassenes Haus in der Nachbarschaft als Rückzugsort entdeckt. Und gleitet in ein Prosagedicht: „Steht ein Haus leer, kommen die Engel; sie kommen im ersten Dämmer, um sich niederzulassen, einer nach dem anderen, um die schwärzesten Winkel mit Kerzen aus Blütenstaub und Wachs zu erhellen, die Türöffnungen mit Eis und Myrrhe zu vernebeln, die Küchenschränke mit seltsamem Duft zu füllen, halb Weihrauch, halb Vergangenheit.“So eine Wortmusik für so ein furchtbares Heranwachsen. Burnsides Kindheit muss grausam gewesen sein. Der Vater trank, war unbeherrscht, unberechenbar und gewalttätig. Die Familie hatte nicht viel, man lebte am Rande des Existenzminimums. Trotzdem lud der Vater Freunde ein, und John musste den Kellner machen, auch ohne Mantel in die kalte Nacht „Pommes holen“. Oder Alkohol servieren: „Also schenkte ich Rum ein, Whisky oder Bier, und ich wusste, ich goss unser Essen für die nächsten Wochen fort...“ Die Begräbnisfeier der Mutter, die an Krebs stirbt, wird zum Zechgelage, bei dem der Vater die Karten auf den Tisch bringt.Diese Kindheit blieb nicht spurenlos. Burnside schreibt über seine eigenen Probleme mit Alkohol und Drogen. Oft geht es nicht so sehr um den Familientyrannen, dessen späterer Verfall und Tod auch aufgezeichnet werden. Aber ebenso legt der Autor Rechenschaft ab über eigene Verirrungen wie die Beziehung zu dem Mädchen, das zum Küchenmesser greift. Und über eigenes Versagen wie bei seinem Freund Rick, der noch nicht von der Party nach Hause gehen wollte und aus dem dritten Stock auf die Straße stürzte.Burnside schickt dieser Rückschau eine Rahmengeschichte voraus, wie er in den USA einen Mike trifft, der von seinem Vater spricht – und der unbedingt auch Burnsides Familiengeschichte hören will. Ihm, Mike, erzählt Burnside dann „Lügen über meinen Vater“. Und beginnt damit, dass sein Vater ein notorischer Lügner gewesen sei. So mischt er in seine Abrechnung Momente des Zweifels. Der Leser ahnt, dass nicht alles so eindeutig war. Die Schwächen des alternden Patriarchen scheinen selbst beim Erzähler Mitleid zu wecken. Und bei der Beerdigungsfeier, da hört John von einem Freund des Trinkers bestätigt, was er immer als Eitelkeit seines Alten Herrn abgetan hatte: Dass der dem Schauspieler Robert Mitchum ähnlich gesehen habe.In solch kleinen Szenen entfaltet Burnside seine Kunst am virtuosesten: Wenn er noch dem tiefsten Schwarz neue Grautöne und Schattierungen abgewinnt. Das Lügen fällt mit Erzählen zusammen. Burnside spricht davon, dass sein Vater sich als jemanden sah, der das „Recht auf eine Geschichte“ habe. Im Erzählen findet sich auch der Sohn des Trinkers wieder.

John Burnside: Lügen über meinen Vater. Deutsch von Bernhard Robben. Knaus Verlag, München. 382 S., 19,99 Euro

John BurnsideFoto: Wright

Quelle: wa.de

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