In Brüssel widmet sich ein neues Museum dem Fin de Siècle

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Geheimnisvolle Schönheit: Alphonse Muchas Büste „Natur – heidnische Gottheit“ ist in Brüssel zu sehen.

Von Ralf Stiftel BRÜSSEL - Die gekrönte Schöne hat die Augen geschlossen, als könnte sie so den Blick des Betrachters vermeiden. Makellos glatt sind ihre bronzenen Züge. Wie Schlingpflanzen umspielen ihre Haare ihre entblößten Brüste. Eine Krone mit einem grünen Malachit adelt sie, große Malachithänger zieren auch ihre Ohren. Eine delikate Erscheinung schuf Alphonse Mucha genau um die Jahrhundertwende, und Émile Pinedo setzte die Bildidee des tschechischen Jugendstilmeisters in eine Bronzebüste um: „Natur – heidnische Gottheit“.

Jetzt residiert die Schöne in Brüssel, in einer geheimnisvoll abgedunkelten Vitrine unter der Erde. Sie gehört zur Sammlung des neuen Fin-de-Siècle-Museums. Freilich: Ein richtig neues Museum ist dies nicht. Man betritt es durch den Haupteingang der Königlichen Museen für Schöne Künste, und es entstand auch mit einem Budget von 8,7 Millionen Euro durch einen Umbau bisheriger Museumsräume. Generaldirektor Michel Draguet schärft seit einigen Jahren das Profil der hauptstädtischen Sammlungen, indem er sie neu ordnet. Schon 2009 eröffnete er, ebenfalls in den Königlichen Museen auf dem Kunstberg, das Musée Magritte, das dem berühmten belgischen Surrealisten gewidmet ist. Ein Erfolg mit bislang 500 000 Besuchern.

Ähnlich soll nun die starke Marke Fin de Siècle Publikum mobilisieren. Diese Museumspolitik stößt nicht nur auf Zustimmung. Schließlich waren in den vier unterirdischen Etagen bislang die Bestände an Gegenwartskunst zu sehen. Die ist jetzt auf unbestimmte Zeit heimatlos geworden.

Das Museum ist durchaus am richtigen Platz. Brüssel war einer der Hauptschauplätze der Kunst um 1900, vom Post-Impressionismus über den Jugendstil bis zum Symbolismus. Hier öffneten der Salon des XX und La Libre Esthétique, hier arbeiteten James Ensor, Fernand Khnopff, Henri van de Velde, Victor Horta. Zu alledem besitzen Brüssels Museen reiche Sammlungen. Viele Meisterwerke waren bislang schon andernorts zu sehen. Nun aber werden sie als konzentrierter und stringenter Überblick über die Kunst einer Aufbruchszeit in die Moderne an einem Ort präsentiert. Und viele der mehr als 450 Exponate werden auch erstmals gezeigt.

Hinzu kam 2006 eine gute Gelegenheit. Baron Roland Gillion und Baronin Anne-Marie Gillion Crowet mussten Erbschaftssteuer zahlen, sein Vater Fernand Gillion, der mit Immobilien ein Vermögen gemacht hatte, war gestorben. Das Paar, leidenschaftliche Kunstsammler seit den 1960er Jahren, beglich die Schuld bei der Hauptstadtregion Brüssel mit einer der größten Kollektionen von Jugendstil und Art Nouveau. Und weil so ihre Schätze zusammenblieben, als Depot bei den Königlichen Museen, legten die zwei noch einige Schenkungen drauf. Nun füllen die wunderbaren Möbel und Gläser von Émile Gallé und Louis Majorelle, Skulpturen, Schmuck, Gemälde und – allen voran – Muchas heidnische Gottheit eine ganze Etage.

Zusammengehalten wird das Ensemble durch eine goldene Architektur an Wänden und Vitrinen, und man nimmt die Sammlung als eine Art Museum im Museum wahr, kann so dem persönlichen Geschmack der Sammler nachspüren. Dabei scheuten sie nicht Objekte, die in ihrer Exaltiertheit ganz nah am Kitsch liegen, zum Beispiel eine kleine Tischschale mit der Darstellung von Schiffbrüchigen – Géricaults „Floß der Medusa“ als Dekorationssstück. Oder Léon Frederics monumentales Triptychon „Der Strom“, auf dem der Künstler von der Quelle bis zum reißenden Fluss tausende kleiner nackter Kinder durch den Wald flitzen lässt. Die Darstellung findet man heute zumindest merkwürdig.

Aber gerade diese Spannweite hebt die Präsentation heraus. Und man erlebt hier in seltener Dichte Spitzenwerke großer Künstler zwischen ungefähr 1850 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Schau ist grob chronologisch angeordnet, macht aber immer wieder großzügig Exkurse in Themenfelder. So hat man – allerdings vor allem in Computeranimationen – Einblicke in die Architektur des Fin-de-Siècle, man sieht Beispiele der Fotografie, man bekommt die große Rolle von Richard Wagner und der Oper demonstriert in Bildern, Bühnenmodellen und sogar Hörbeispielen.

Vor allem aber sieht man großartige Kunstwerke. Dem belgischen Gründervater der Moderne, James Ensor, ist ein ganzer Raum gewidmet, mit frühen Arbeiten, die den Impressionismus auffrischen, wie der Landschaft „Leuchtturm von Ostende“ (1885) und dem wunderbaren Stillleben mit dem Rochen (1892) bis zu den satirischen Masken- und Skelett-Bildern. Der Symbolist Fernand Khnopff ist mit Hauptwerken wie der „Sphinx oder Die Zärtlichkeit“ (1896) zu sehen, jener seltsamen Liebkosung eines Jünglings und einer frauenköpfigen Raubkatze. Seine „Erinnerungen“ (1889) werden gezeigt, die sieben Damen mit Tennisschlägern, seine „Stille“, sein Porträt „Beim Hören von Schumann“ (1883).

Man hat ganze Werkgruppen von Léon Spilliaert, Théo van Rysselberghe, Émile Claus, Henri Evenepoel. Da sind suggestiv hingepünktelte Strandszenen, intensive Porträts vor allem von fragilen Frauen, Ansichten aus Pariser Cafés, aber auch erste Darstellungen mit sozialkritischer Tendenz wie die Arbeitergemälde und -skulpturen von Constantin Meunier und anderen. Und wenn auch belgische Künstler den sinnvollen Schwerpunkt bilden, so runden doch markante Arbeiten zum Beispiel von Auguste Rodin (u.a. eine Figur der „Bürger von Calais“), Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Pierre Bonnard die Präsentation ab.

Musée Fin-de-siècle in

Brüssel, Rue de la Régence 3,

Tel. 0032/2/508 32 11,

www.fin-de-siecle-museum.be

Museumsführer (en., nl., frz.) 15 Euro

Quelle: wa.de

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