Brüssel feiert den belgischen Designer und Architekten Henry van de Velde

Wie aus der Wand gewachsen: Henry van de Velde entwarf die Wandlampe aus Messing, Kupfer und Glas um 1898/99, zu sehen in Brüssel. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel BRÜSSEL - Wie eine kupferne Pflanze wächst die Lampe aus der Wand. Der gläserne Schirm steht wie eine Blüte darauf. Der belgische Gestalter Henry van de Velde hat die Formen dieses Geräts der Natur abgeschaut. Sie vereint Funktionalität und Eleganz. Jugendstil in Vollendung. Das Publikum in ganz Europa schätzte das um 1900.

Die Lampe ist in der prachtvollen Ausstellung „Henry van de Velde – Leidenschaft Funktion Schönheit“ zu sehen. Das Musée du Cinquantenaire in Brüssel würdigt damit den Künstler, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr europaweit gefeiert wird. Die Schau, konzipiert von der Weimarer Klassik Stiftung und dort zuerst gezeigt, wurde in der belgischen Hauptstadt um einige Schätze erweitert. So sieht man erstmals überhaupt das Arbeitszimmer, das van de Velde 1935 für König Leopold III. entworfen hat, ein in seiner Schlichtheit wahrlich königliches Ensemble.

Henry van de Velde wurde 1863 in Antwerpen geboren, als sechstes Kind eines Apothekers. Er studierte in seiner Heimatstadt Malerei, wandte sich aber in den 1890er Jahren der Architektur und dem Design zu. Er wurde zu einer prägenden Gestalt der Moderne. Für den Hagener Sammler und Mäzen Karl Ernst Osthaus gestaltete er die Innenräume des Museums. Er beriet ihn auch bei Ankäufen moderner französischer und belgischer Kunst. Van de Velde zog aber weiter und wurde Leiter der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar, einer Vorläufereinrichtung des Bauhauses. 1925 übernahm er ein ähnliches Amt in Gent, wo er das Institut Supérieur des Arts Décoratifs leitete. Seine Projekte waren berühmt: Er plante den Bibliotheksturm der Universität Gent, das Kröller-Müller-Museum in Otterlo, Wohnhäuser und zweimal den belgischen Pavillon bei Weltausstellungen. Weil er während beider Weltkriege mit den Deutschen zusammengearbeitet hatte, wurde er in Belgien angefeindet. 1947 emigrierte er in die Schweiz, wo er 1957 starb.

Die Ausstellung bietet mit fast 500 Objekten einen unvergleichlichen Überblick über alle Facetten seines Schaffens. Es beginnt mit pointillistischen Gemälden, reicht über Schmuck, Kleidung Möbel bis zu kompletten Ensembles, zu Architekturmodellen und Plänen. In dieser opulent inszenierten Schau bekommt man ein Gefühl für den Jugendstil.

Die Vitrinen voller edel gestalteter Broschen, Schnallen, Teekannen, Vasen, Buchumschläge lassen die Museumsräume manchmal wie ein Nobelkaufhaus wirken. Allerdings entwarf van de Velde 1899 einen Laden in Paris, la Maison moderne, der auf alten Fotos wie ein Museum auf uns wirkt. Van de Velde wollte das Leben gestalten, die Kunst in Gebrauch nehmen. Hauptwerke von ihm, die in Brüssel gezeigt werden, sind das gestickte Wandbild „Engelswache“ (1892/93) und zwei versilberte sechsarmige Kerzenleuchter (1898/99), bei denen das Material sich völlig in den eleganten organischen Linien aufzulösen scheint.

Die Exponate widerlegen manche Vorurteile über den Jugendstil. Bei van de Velde ist nichts überladen oder verspielt. Man sieht es vor den Möbeln aus seinem erstem Wohnhaus, der von ihm entworfenen Villa Bloemenwerf im Brüsseler Vorort Uccle. Die Stühle sind eher schlicht, der Schwung der Beine, die gegabelte Rückenlehne verleihen ihnen Eleganz aus der Funktion. Auf Fotos sieht man van de Veldes Frau in Reformkleidern in der Küche stehen, in weiten Säcken, die dem Körper Raum lassen.

Hinreißend ist ein Ensemble aus dem Friseursalon von Francois Haby, den van de Velde komplett gestaltet hatte und der um 1900 Tagesgespräch in Berlin war. Wasserleitungen wurden als florale Ornamente über die solide Holzvertäfelung geführt, hin zum marmornen Becken, schön und zugleich praktisch. Wer sich hier die Haare schneiden ließ, muss sich wie ein König gefühlt haben. Dabei standen im Salon ein rundes Dutzend solcher Kojen nebeneinander. Die in der Ausstellung glitzert, als sollte sie morgen erst eingeweiht werden.

Kaum ein Arbeitsfeld, auf dem sich van de Velde nicht versucht hätte. Er entwarf Vasen, aber kümmerte sich auch um Etiketten für „Tropon-Cacao“. Er entwarf Bestecke, in denen die Austerngabel nicht fehlte. Er schuf einen herrlichen Prachtband für eine Nietzsche-Ausgabe. Und er arbeitete die Innenausstattung der belgischen Eisenbahnen aus.

Natürlich steht van de Veldes Kunst für großbürgerlichen Luxus. Kein Schreiner in den Weimarer Werkstätten konnte sich eine Einrichtung mit diesen Möbeln leisten. Was aber an der Perfektion und Schönheit der Objekte nichts ändert. Umso treffender eine Inszenierung im Zentrum der Brüsseler Schau, eine gedeckte Tafel, an der man sich die belgische Königin Elisabeth, Harry Graf Kessler und andere als van de Veldes Gäste vorstellen kann.

Henry van de Velde – Leidenschaft Funktion Schönheit im Musée du Cinquantenaire in Brüssel. Bis 12.1., di – so 10 – 17 Uhr,

Tel. 0032 / 2 / 741 72 15, www..mrah.be.

Katalog (engl.) 45 Euro

Allg. Info: Tourismus Flandern-Brüssel, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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