Brüssel bietet Giorgio Morandis nuancenreiches Werk

Morandis Selbstporträt entstand 1924.

Von Ralf Stiftel BRÜSSEL - Eine feine Linie trennt zwei graue Flächen. Unten haben wir offenbar einen Tisch, oben die Wand. In die Mitte stellte Giorgio Morandi einen kompakten Block aus eng aneinander gepackten Dingen. Eine runde Schachtel, drei Flaschen, dahinter einige dunkelgraue Objekte, bei denen weder die Zahl noch die Form exakt zu bestimmen ist. Es sind wohl einige der Blechdosen, die der italienische Maler für seine Stillleben benutzte.

Das Bild ist im Palais des Beaux Arts in Brüssel zu sehen, dem Bozar. Das Haus richtet Morandi (1890–1964) eine Retrospektive aus, ein Fest für den Kunstfreund. „Natura morta“, so lautet der Titel der meisten Werke des Malers, der für ruhige, meditative Dingbilder berühmt ist. Morandi gab nie den Gegenstand auf. Selbst in seinen reduzierten Zeichnungen lassen sich die Flaschen und Schalen erkennen. Und oft genug pflegt er einen geradezu altmeisterlichen Realismus, lässt die Volumen spürbar werden, trügt den Betrachterblick mit Lichtreflexen.

Dabei laden sich die Gefäße mit Bedeutung auf. Im eingangs beschriebenen Meisterwerk von 1954 sieht man die einzelnen Stücke in der Gruppe aufgehen, fast bis sie unkenntlich werden. In der „Natura Morta“ von 1936 stehen die Objekte lockerer, eine Schale hat sich abgesondert. Sie haben Schatten. Der Blick schlägt, während er von Schale zu Flasche zu Schale wandert, einen Bogen. Morandi hat seine Flaschen, Schalen, Blechkisten angemalt, um ihnen neutrale Oberflächen zu geben. Sie sollten reine Körper werden, purer Malstoff eben, befreit von allem Episodischen, von Etiketten, von der transparenten Farbigkeit des Glases. Künstler nahm so vieles weg – und schuf dann mit diesem konzentrierten Formenvorrat eine unendliche Vielfalt an Nuancen.

Morandi ist eine Legende. Da lebt einer zurückgezogen wie ein Mönch und malt Bilder, die irgendwie immer das Gleiche zeigen, was natürlich auch etwas Schrulliges hat. Und gleichzeitig wächst sein internationaler Ruhm, bis er 1948 den Preis der Biennale von Venedig gewann. Selten hat man die Gelegenheit, seine Kunst umfassend betrachten zu können wie hier. Mit fast 100 Bildern aus der Zeit zwischen 1915 und 1962 werden alle Schaffensphasen abgedeckt. Und man entdeckt, dass Morandi gelegentlich auch etwas anderes malte als Flaschen und Vasen.

Deren Reiz freilich kann man in mehreren, zeitlich geordneten Kapiteln nachspüren. Wie er anfangs bei Renaissancemeistern wie Giotto und den magischen Realisten wie Carlo Carrà lernt. 1918 stellt er der Flasche eine Büste gegenüber, die wie eine Kreuzung aus Boxbirne und Kleiderpuppe wirkt. Ein Jahr später zeigt er ein realistisches Arrangement mit kunstvoll zerknitterten Tüchern und einer Obstschale, und die Farben sind von Cézanne inspiriert. Dann werden die Stillleben immer künstlicher, bei einem Foto würde man sagen: gestellter. Und das sind die Dinge hier ja auch. Beim Stillleben mit dem gelben Tuch (1924) spielt er noch mit altmeisterlichen Motiven wie dem Messer, das über die Tischkante ragt und mit seiner labilen Lage Spannung erzeugt. Aber das gibt er schnell auf.

Virtuos nutzt er auch unterschiedliche Techniken. Das große Stillleben mit der Lampe rechts (1928) ist eine virtuose Radierung, in der er mit feinen Schraffuren die unterschiedlichen Materialien – Glas, Keramik, Blech – imaginiert und mit Licht und Schatten spielt. In einer Zeichnung von 1951 dagegen genügen ihm ganz wenige Linien, um eine seiner typischen Ding-Gruppen zu notieren.

Aber Morandi ist in der Brüsseler Schau nicht nur als Stillleben-Meister zu sehen. Ganz am Anfang blickt er selbst uns entgegen, in einem der seltenen Selbstporträts, hier als junger Mann mit der Palette in der Hand, wie er sich 1924 malte. In einem Gemälde (1915) und einem Aquarell (1918) zeigt er Badende, und es sieht aus wie eine wilde Mischung aus Picasso, deutschem Expressionismus, Modigliani... Das gab er bald wieder auf.

Andere Themen nicht. Die Landschaft beschäftigte ihn ebenso lange wie Stillleben. Hier sind seine Bilder ebenso ruhig und unspektakulär. 1941 malt er „Die weiße Straße“, und man sieht genau das. Die weiße, menschenleere Bahn zieht sich als Diagonale durch die untere Bildhälfte. Zwei Häuser stehen etwas erhöht auf der linken Seite. Dazwischen Bäume und Sträucher. Mag sein, dass Morandi der Kontrast zwischen den klaren Konturen der Gebäude und den uneindeutigen Formen der Pflanzen reizte. Er erweist sich auch hier als Meister darin, alles Unnötige wegzulassen.

Zwei weiteren Werkgruppen ist jeweils ein Raum gewidmet. Mehr als 20 Jahre lang malte Morandi nicht nur künstliche Gefäße, sondern immer wieder auch Muscheln. Noch verblüffender sind seine Blumenbilder, in denen er sich an den duftigen Formen der Blüten abarbeitete und zuweilen nicht mit Rot- und Rosatönen geizt. Auch wenn er hier so stringent arbeitet wie in seinen Stillleben, haben die „Fiori“ doch nicht die gleichen magischen Qualitäten.

Die Schau

Eine dichte Retrospektive bietet einen Überblick über alle Werkgruppen des legendären Meisters strenger Stillleben: Giorgio Morandi – Retrospektive.

Palais des Beaux-Arts Bozar, Brüssel. Bis 22.9., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 507 82 00, www.bozar.be, Katalog

(engl., frz., nl.) 35 Euro

Allg. Info: Belgien-Tourismus, Köln, Tel. 0221/ 277 590, www.belgien-tourismus.de

Quelle: wa.de

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