Bronzegorilla und mehr: Der Kunstverein Münster zeigt Angus Fairhurst

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Was fühlt der Affe? Angus Fairhursts Skulptur ist in Münster zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Der Gorilla steht im Raum, lebensgroß in schwarze Bronze gegossen. Aber vor diesem Affen muss sich niemand fürchten. Der linke Arm liegt vor dem Tier. Ruhig blickt es darauf, als denke es nach. Der Gorilla als Denker? Philosoph gar? Oder schlicht ein Geschöpf, überfordert von einem unerwarteten Ereignis?

Der englische Künstler Angus Fairhurst schuf diese Bronzeskulptur 2003. Ihm gelang eine eigensinnig unbestimmte Arbeit, die die Ratlosigkeit und die Melancholie der beschädigten Kreatur zeigt, die aber ebenso absurden Humor verbreitet. Der Gorilla bietet eine schöne Vorlage für tiefe Gedanken. Er erscheint als Sinnbild für den modernen Menschen, der doch auch stets irgendwie vom Leben überfordert ist. Fairhursts Skulptur ist im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen, in der Retrospektive, die ihm der Westfälische Kunstverein widmet.

Dass ein Kunstverein, der ja eigentlich aktuellen Tendenzen verpflichtet ist, mit einer Werkschau auftritt, ist ungewöhnlich, betont Direktorin Katja Schroeder. Aber Fairhurst ist ein besonderer Fall. Der 1966 geborene Künstler zählte in den 1990er Jahren zu den „Young British Artists“, einer auf dem Markt überaus erfolgreichen Gruppe, zu deren Stars zum Beispiel Damien Hirst gehörte, mit dem Fairhurst im übrigen befreundet war. Die Aggressivität dieser Künstler teilt er nicht. Bei ihm gibt es kein Selbstporträt aus gefrorenem Blut wie bei Marc Quinn, keine Schockgemälde wie bei Jenny Saville, keine präparierten Haie wie bei Hirst. Fairhurst ist einerseits von der Tradition geprägt, andererseits vom Minimalismus und Konzeptkunst. Letzteres vor allem in den Bronzen und Zeichnungen von Gorillas. 2008 beging er Selbstmord, erhängte sich im Wald, die Motive sind unbekannt. Münster übernimmt eine britische Retrospektive, als erste museale Schau Fairhursts in Deutschland.

Im Affen zeigte Fairhurst sich selbst, wie beim 1995 entstandenen Video „A Cheap and Ill-Fitting Gorilla Suit“. Ein Mann tritt in einem Gorillakostüm vor die Kamera. Anfangs wirkt die Maskerade noch ernsthaft, dann aber beginnt er zu hüpfen. Zeitungsblätter, mit denen das Kostüm ausgestopft war, fallen zu Boden, das Fell sitzt immer lockerer, gibt immer mehr den Blick auf den Körper des Mannes frei, bis er netblößt steht. Die Bronze-Serie um den Affen heißt „A Couple of Differences Between Thinking and Feeling“, und schon das lenkt die Aufmerksamkeit auf das mentale Innere des Gorillas. Fairhursts Alter Ego tritt stark und beeindruckend auf, aber eben auch unbeholfen und sogar etwas niedlich, wie Katja Schroeder erklärt.

Der Gorilla erscheint in Fairhursts Bronze-Arbeiten in Haltungen und Situationen, in denen klassische Bildhauer vom Barock bis zu Rodin Menschen einsetzten. Eine Arbeit zeigt das Tier am Boden, in einen kleinen Teich blickend wie in einen Spiegel. „The Birth Of Consistency“ (2004), die Geburt der Beständigkeit, heißt das Stück. Der Gorilla sieht sich und findet seine Identität. Allerdings sollte man die philosophische Seite dieser Arbeiten nicht überbetonen. Dass ein Gorilla sein Ich sucht, macht aus der Erzählung gleich wieder eine Komödie. Fairhurst spielt zuweilen auch mit literarischen Motiven: Ein weiterer Gorilla trägt eine Eselsmaske, wie Zettel der Weber in Shakespeares „Sommernachtstraum“. Und zwischen den kleinen Bronzeaffen sieht man plötzlich eine lebensgroße, knallgelbe Plastik-Bananenschale. Der Mann hatte Humor.

Das erschließt sich auch in anderen Werkgruppen. Eine Bildserie heißt „Low Expectations“ (1996) und bringt unsere Erwartungen nach unten mit grafischen Bildstreifen, mal schraffiert, mal mit einfachen Mustern, schwarze Linien auf weißem Grund. Im nächsten Bild gibt es in den Streifen Zacken oder Ausschläge, als sei dies eine Messdarstellung. Im nächsten Bild wird es noch komplizierter, weil sich die Streifen überlagern zu einem fiebrigen Schraffur-Rhythmus.

Fairhurst verarbeitete auch Zeitschriften und Werbeplakate zu Collagen, indem er menschliche Figuren und Schriftpartien entfernte. Durch die Leerstellen scheinen andere Partien durch. Der Eindruck beispielsweise einer Zigarettenreklame klingt nach. Aber das Wesen dieser medialen Botschaften ist hohl. Ganze Hefte von Modezeitschriften fledderte er und bringt sie dann als Skulptur an die Wand, wo die Restseiten sich entfalten, Blätter seltsamer Pflanzen.

Die Arbeiten Fairhursts schwingen so stets spannungsvoll zwischen Lachen und Trauer. Die Münsteraner Schau ist allemal eine Entdeckung. Im Raum mit dem großen Gorilla gibt es noch eine Botschaft in einem Leuchtkasten: „Stand still and rot“ (2000). Wer still steht, verfault. Selten war ein Memento mori mit so viel wütendem Witz unterfüttert.

Bis 4.9., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr.

Tel. 0251/ 46 157, www. westfaelischer -kunstverein.de

Katalog (engl.) 34 Euro

Quelle: wa.de

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