Brigitte Kraemers Fotoband „Im guten Glauben“

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Extreme Gegensätze beim hinduistischen Tempelfest in Hamm: Während vor einem Wagen hängend ein Gläubiger über die Straße geschoben wird, bleiben Schaulustige verschiedener Religionen gelassen. ▪

Wie in Trance hängt der Hindu an Hacken und Seilen. Er kommt einem Ritual nach und schwebt dabei meterhoch über der Dorfstraße in Hamm-Uentrop. Es ist ein befremdliches Bild, das Brigitte Kraemer in ihrer Heimatstadt geschossen hat. Von Achim Lettmann

Im östlichen Ruhrgebiet haben tamilische Hindus den Tempel Sri Kamadchi Ampal 2002 errichtet und feiern jährlich ihr Fest. Die Gläubigen ehren die Göttin Kamadchi. Die Fotografie, die während der Feierlichkeiten im Jahr 2006 entstand, zeigt neben der religiösen Einkehr, dass die Glaubensbekundung ein öffentlicher Akt ist. In dem ländlich strukturierten Osten der Stadt Hamm erinnert das Industriegebiet im Bildhintergrund daran, dass Brigitte Kraemer im Ruhrgebiet fotografiert.

Die Fotografin, die in Herne lebt, dokumentiert in ihrem Fotobuch „Im guten Glauben“, wie vielfältig die Religionsausübung im Ruhrgebiet ist. Sie erinnert an das Grundgesetz, an die Freiheit des Glaubens (Artikel 4) und ist vor allem an dem kulturellen Prozess interessiert. Wie zeigt sich der Glauben?

Ihr Buch bietet fast zweihundert Farbfotografien, die weder chronologisch noch thematisch geordnet sind. Es geht nicht darum, wo die meisten Moscheen stehen und wie viel tamilische Hindus in Hamm leben – im Ruhrgebiet sind es rund 3000. Vielmehr vermittelt das Buch, dass der Glaube Vielfalt bedeutet und oftmals in der Diaspora gelebt wird.

Das visuelle Konzept von Brigitte Kraemer schließt einem das kulturelle Phänomen des Glaubens auf. Kraemer ist Reportagefotografin, das heißt, sie nimmt an den religiösen Momenten, an den Ritualen, den Festen teil, und berührt in ihren Bildern auch intime Augenblicke persönlicher Frömmigkeit. Beeindruckend ist dabei, wie unprätentiös die Geschichten sind, die Kraemers Fotografien mitunter anstoßen. Wenn eine afrikanische Frau mit ihrem Kind nach der Sonntagsmesse in der christlichen St. Gertrud Gemeinde in Essen (2010) vor der Kirche steht. Sie trägt ein pinkfarbenes Rüschenkleid, das Mädchen hat rosa Schleifen im Haar und feine Schühchen an. Beide erscheinen zu ihrem Glaubensfest und zum Religionsalltag im Revier. Denn wenn die einen feiern, stehen die anderen oft nur dabei. Während eine thailändische Buddhistin kniend betet, halten sich in einer Gesamtschule in Dortmund drei Männer vor den Kleiderständern auf – unbeteiligt und ein bisschen ignorant. Religionsausübung im Ruhrgebiet bedeutet auch, Kompromisse machen. Der Vatertag im Buddhismus wird im Dhammabharami Tempel gefeiert (2009), der in Dortmund ein umfunktionierter Gesellschaftsraum ist. Man rückt zusammen.

Liebevoll ironisch wirkt die Fotografie zum St. Martins-Umzug in der Schlüngelbergsiedlung in Gelsenkirchen (2008). Der St. Martins-Darsteller sitzt auf einem zottigen Zossen und lässt das Schauspiel über sich ergehen. Im Hintergrund sind Zechen-häuser zu sehen.

Die Fotografien lohnen den zweiten Blick. Da werden Kopftücher ausgelegt und mit Kopfmodellen aus Plastik (Islam, Verkaufsstand am Dortmunder Nordmarkt) angeboten. Da hat das türkische Hochzeitspaar in Duisburg einen Termin im Fotostudio, und er greift zum Handy, während sie wartet. Pracht und Banalität liegen nah beieinander. Diesem Spannungsprozess geht Brigitte Kraemer immer wieder nach. Sie liebt die kompositorische Fotografie, die für den französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson (1908-2004) ein Ideal war. Dann schaut sie beim jüdischen Schlussfest (Schemini Azereth) in der Dortmunder Synagoge (2009) zu und porträtiert die hohe Bedeutung der Schrift und des Wortes im Bild. Still, andächtig und vollendet.

Die Unversöhnlichkeit, die in Religionskonflikten immer wieder spürbar wird, findet in dem Buch „Im guten Glauben“ kein Motiv. Im Ruhrgebiet begegnet man dem Glauben in der Nachbarschaft. Die lebensferne Schärfe mancher Integrationsdebatte wirkt dagegen oftmals von außen hereingetragen. Deshalb plädiert der Politikwissenschaftler Claus Leggewie in seinem hellsichtigen Vorwort dafür, „lokale religiöse Identitäten“ zu respektieren. Die Bilder dazu hat Brigitte Kraemer.

Brigitte Kraemer: Im guten Glauben. Klartext Verlag, Essen. 208 S., durchgehend farbige Fotos, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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