Brecht/Weills „Mahagonny“ in Münster

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Im Sündenbabel: Szene aus „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in Münster mit Henrike Jacob (vorne), Birger Radde und Wolfgang Schwaninger (rechts).

MÜNSTER - Wie hält man’s auf dem Theater mit der Moral? Am Theater Münster ist die Oper vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ zu sehen, Kurt Weills und Bertolt Brechts Laborversuch zum Kapitalismus, ein Lehrstück von einer modernen Goldgräberstadt, die erst moralisch, dann faktisch vor die Hunde geht. Regie führt Münsters Intendant Ulrich Peters, es ist eine Kooperation mit dem Tiroler Landestheater Innsbruck.

Aktualisiert wird nicht. Muss man auch nicht. Aber was Peters zu dem Stoff einfällt, ist wenig. Seine zentrale Idee zeigt er bloß her, ohne mehr daraus zu machen: Bei ihm ist die Hauptfigur des Jim Mahoney (Wolfgang Schwaninger) ein verdrehter Christus, ein Erlöser, der keine Hoffnung bringt. Die Inszenierung ist altbacken, Personenführung und Ausstattung sind konventionell. „Mahagonny“ wird in Münster so was wie eine Belehrungs-Operette.

Aus einer Wüste wird die Stadt geschält, angedeutet durch vergüldete Wellpappe: eine Bar, ein paar Palmen. Hinter der Spielfläche ist auf einem Podium das Orchester platziert (Bühne: Thomas Dörfler). Davor hängt ein Transparentvorhang, auf den Bilder wie Schlagworte geworfen werden: Satellitenaufnahmen eines Sturms, nackte Mädchen. Zum Schluss, unvermittelt, eine Hitler-Maske. Eingeordnet wird das nicht.

In Mahagonny, der „Netzestadt“, will ein Gangstertrio (Suzanne McLeod als Leokadja Begbick, Boris Leisenheimer als Fatty, Gregor Dalal als Dreieinigkeitsmoses) Menschen fischen, mit Sex, Drinks und sonstigen Amüsements. Mit malerisch verschmiertem Augen-Makeup erscheinen die Ladies, die beim Geldanlandziehen helfen sollen, unter ihnen Jenny (Henrike Jacob). Corsagen kennzeichnen sie als Professionelle. Aber weil sogar das Laster Regeln braucht, stellt das Trio Tafeln auf: Du sollst nicht arbeiten, liest man. Du sollst nicht sparen.

Alsbald erscheinen die Verlorenen der Erde, werfen sich in Janker mit Goldkragen (Kostüme: Michael D. Zimmermann) und machen auf Orgie. Jim Mahoney nimmt Jenny, wie es so schön heißt, unter seinen Schutz. Wolfgang Schwaninger, angezogen wie ein Tiroler Holzfäller, verfrachtet seine Partie auf solides Operettenniveau, samt Schmelz und Liebesleid.

Als Mahoney angesichts des Sturms, der die Stadt bedroht, die Regeln von Mahagonny aufhebt, zerbricht er die Gesetzestafeln und reckt einen Stab wie Moses vor dem Roten Meer, als er das neue Motto ausruft. Ab jetzt heißt es: „Du darfst.“ Als Jim später wegen „Mangel an Gelds, der größten Sünde auf dem Erdenrund“ hingerichtet wird, verlässt sich Peters wieder auf die Bibel, lässt ihn an einem stilisierten Kreuz minutenlang zappeln und legt ihn, in einen roten Mantel gehüllt, wie eine Pietà in die Arme der Hure Jenny.

Der moralischen Verfall Mahagonnys wird in einer Reihe durchaus einfallsreicher Schaubilder dokumentiert: Jims Freund Jack frisst sich, die Hände tief in der Pasta, an einer fast fellinimäßigen Festtafel tot. Zum Motto „Sex“ erscheint ein Verrichtungs-Vorhang, vor dem die Männer hüftschwingend anstehen. Aber gute Ideen bleiben Einzelerscheinungen. Weder wird aus „Mahagonny“ eine Farce noch ein Lehrstück. Etwas mehr sollte aber drin sein als staubiges Abzelebrieren der Geschichte. Zumal das musikalische Niveau ordentlich ist. Das Sinfonieorchester Münster bewegt sich unter Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg präzise durch Weills Partitur, fächert Klangfarben zwischen Klassik, Jazz, Chanson auf. Henrike Jacob als Jenny kann weite, opernhafte Bögen spannen, aber auch rau und jazzig klingen und erkundet in ihrer ersten Szene mit Jim mädchenhaft-verträumte Töne. Gregor Dalal vereint als Dreieinigkeitsmoses Bosheit mit Belustigung. Auch die restlichen Rollen sind gut bis solide besetzt. Der Chor bringt in seine Szenen große Wucht und Überzeugungskraft, besonders im Finale.

21., 30.4., 7.5., 1., 17.6.,

Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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