Brechts „Mutter Courage“ in Münster

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Im Getriebe des Krieges: Christiane Hagedorn in der Titelrolle der „Mutter Courage“ in Münster. ▪

Von Anke Schwarze ▪ MÜNSTER–Mit dem Krieg dreht sich das Rad am Wagen der Marketenderin Mutter Courage, mit dem Frieden steht es still. Obwohl dieses Moment etwas plakativ wirkt, wird Brechts Drama in Münster wirkungsvoll in die Gegenwart transportiert. Im Großen Haus der Städtischen Bühnen wächst der Mikrokosmos des Planwagens zur alles beherrschenden Szenerie – in Form eines flach gelegten Rades, dessen Speichen hohe Lagerregale sind, voller Kisten und Fässer mit bekannten Markennamen.

„Krieg ist nichts als Geschäft“, heißt es im Lied der Mutter Courage. Umgekehrt hält der Marxist Brecht den Kapitalismus für eine Art von Krieg. Auf diesen Ansatz konzentriert sich die Regie von Hannes Hametner und bezieht die Situation des Dreißigjährigen Krieges auf die moderne Marktwirtschaft. Stellenweise wirkt das aufdringlich. Die Konsumkritik flimmert an dramatischen Wendepunkten als Börsenticker durch die Übertitel. Im Neonlicht des kaltherzigen Kapitalismus schlört der Koch sein Fleisch in einer Kiste von Eurotransplant über die Bühne: Auch Organhandel kann ein schmutziges Geschäft sein.

Schlichter akzentuieren die Farben von Bühnenbild und Kostümen, dass eine Trennung von Krieg und vom Überleben im Krieg unmöglich ist. In den königsblauen und scharlachroten Farben ihrer Waren sondern sich Mutter Courage und ihre Kinder anfangs ab – von schwarz gekleideten Soldaten und Offizieren, einem Schmelztiegel aus Kampfanzügen, Anzugjacken und kugelsicheren Westen. Doch die Farben machen die Menschen zur eigenen Ware. Der Krieg holt zum Schluss alle ein. Die Söhne sterben als seine Handlanger in schwarzer Kluft, die Courage und ihre Tochter Kattrin hocken in weißlich-grauen Klamotten vor einer nebelig-dunklen Endzeitstimmung.

Das eigentliche Kriegsgeschehen marschiert nur über die grell gefärbte Klavierbegleitung von Antonis Anissegos und das martialisch tackernde Schlagzeug von Jürgen Grözinger. Bis die Schauspieler ihren Rhythmus finden, dauert es etwas. Doch spätestens, als die Courage um das Leben ihres Sohnes Schweizerkas kämpft, ist das Spiel im Fluss. Christiane Hagedorns Courage behauptet sich in der Männerdomäne von Krieg und Heer mit männlichem Duktus. Breitbeinig, fest auftretend, begegnet sie Soldaten und Offizieren auf Augenhöhe, röhrt die Brecht‘schen Lieder mit marktschreierisch heiserer Stimme ins Mikrofon. Sie stellt sich jeder Situation. Erst als Soldaten ihren Sohn erschießen, zerfällt ihr Gesicht, erstarrt zur Maske.

Dagegen sichert Yvette, die von Carola von Seckendorff gespielte Feldhure, ihr Überleben durch weiblichen Körpereinsatz. Seckendorff agiert gewohnt überzeugend, auch wenn man ihre Interpretation des „Lieds vom Fraternisieren“ mögen muss. Wolf-Dieter Kabler und Johann Schibli liefern sich kontrastreiche Schlagabtäusche als opportunistisch-fahriger Feldprediger und selbstsicherer Macho-Koch. Marek Sarnowski und Bernhard Glose geben solide ein glückloses Brüderpaar ab.

Eindrucksvoll interpretiert Kathrin-Marén Enders die Rolle der stummen Kattrin. Ihre lebendige Pantomime legt die Brutalität des Krieges ebenso bloß wie die fehlende Menschlichkeit der anderen Figuren. Beim abgewandelten Ende darf Enders ihre Stummheit aufgeben und, mit dem Gefangenenchor, aus Brechts Gedichtfassung des Kommunistischen Manifestes zitieren. Dafür lässt Regisseur Hametner sie erschießen – um seinen Schwerpunkt noch einmal deutlich zu machen.

3.,9.,15.,17.,21.,24.,28.3.; 1.,8.,13.,15.4.; 19.5.;

Tel. 02 51/ 59 09 100

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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