„Brasil Brasileiro“ zeigt Samba in Köln

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Samba völlig losgelöst: Tanzszene aus der Show „Brasil Brasileiro“, zu sehen in der Kölner Philharmonie.

Von Achim Lettmann -  KÖLN Es gibt keine Federboas, keine Pailletten-Kostüme, keinen Karnevalswagen in Köln, um die brasilianische Samba vorzuführen – keine Trommeln, keinen Bombast. Es gibt am Anfang der Show „Brasil Brasileiro“ ein ganz unprätentiöses Angebot. Die Tänzerinnen und Tänzer, die in ihren Kostümen an den schwarzafrikanischen Ursprung ihrer Kultur erinnern wollen, öffnen den Kreis, den sie gebildet haben und laden das Premierenpublikum in Köln ein, hinzuzukommen, um ihre Samba-Kultur kennenzulernen.

Eine berührende Geste, mit der Claudio Segovia sein wundervolles Musik- und Tanzprogramm eröffnet. „Brasil Brasileiro“ ist das erste Mal in Deutschland zu erleben. Nach gefeierten Auftritten in Paris und London gastiert die brasilianische Show mit Orchester zum „Sommerfestival“ am Rhein. München, Leipzig und Frankfurt folgen. Es wird ein unvergesslicher Abend.

Claudio Segovia, der seit den 60er Jahren Show, Revues und Musiktheater entwickelt, Opern inszeniert hat und Musicals auf die Bühne brachte, ist mit wenigen Mitteln das Porträt einer Kulturform gelungen, der Samba. Dabei erzählt hier niemand eine Geschichte. Es wird brasilianisch gesungen, nichts übersetzt oder erläutert. Nein, Segovia verlässt sich auf die Musikkompositionen, die Tanzformen, die Instrumente der brasilianischen Musik und seine Künstler, die er in den Favelas entdeckt hat. Er wollte keine Stars der brasilianischen Unterhaltungsbranche zeigen, sondern ein authentisches musikalisches Bewegungsbild der Samba schaffen.

Aus dem Klopfen mit den Händen, wird ein Klatschen, eine Trommel ist zu hören. Aus dem Gesang einer Sklavin entwickelt sich ein Chor. Sie tanzen dann im Kreis. So ist es gewesen, sagt die Vorführung und erinnert an Jongo, den Rundtanz, an die Polyrhythmen des Batuque, den Lundu, den ersten Nationaltanz Brasiliens, der eigentlich aus Angola stammt.

„Brasil Brasileiro“ stellt Kulturzeit aus und ist dabei immer rhythmisch, nie langweilig. Richtig gelassen wirkt das, wenn jeder Musiker im Spotlicht steht und sein Instrument auf der Bühne vorstellt – spielt. Gitarre, Posaune, Tambourin, aber auch die Handtrommel Pandeiro, der Cavaquinho, eine Art Ukulele, und Reco Reco, eine Bambusreibe. Es tut sich ein Klangkosmos auf.

Natürlich gibt es Bekanntes, wie den Capoeira. Der Kampftanz ist in Mode und wird bereits bei uns unterrichtet. Aber „Brasil Brasileiro“ zeigt ihn nicht als Fitnesstrend, sondern kraftvoll, mit akrobatischen Figuren und Sprüngen. Auch Überschläge zählen dazu. Zu hören ist der Berimbau, ein Holzbogen, der mit einer Metallsaite bespannt ist, die angeschlagen wird. Spannungsvoll.

Die Show in Köln will das Publikum nicht überwältigen. Den Tanzpaaren ist gute Laune anzusehen. Die Frauen tragen lange farbige Kleider, europäisch sieht das aus, aber gezeigt wird nun der Maxixe, der erste brasilianische Modetanz, bei dem die Paare immer in Körperkontakt bleiben. Ende des 19. Jahrhunderts war das in Europa noch skandalös. Und heute Abend sieht das schwungvoll und ein bisschen aus der Zeit gefallen aus. Die Paare interpretieren die Bewegungen mit kesser Ironie.

Den Malandro tanzt Renato Sorriso, der bereits im ZDF-Studio zu sehen war, als die Fußball-WM in Brasilien stattfand. Sorriso arbeitet in Rio als Straßenfeger. Hier gibt er mit rotem Schlips und breitem Grinsen einen Gauner, eine feste Type im latein-amerikanischen Showbizz. Die coole Nummer mit großem Schattenwurf bleibt aber eine Ausnahme. Immer wieder sind dagegen Liedarrangements zu hören. Wenn Rose Barcelloso melancholisch klingt und ein bisschen an den portugiesischen Fado erinnert. Sie singt Samba exaltacão.

Bestaunen lassen sich immer wieder die Paartänze. Der Lambada wird wie eine Körperbefreiung getanzt, also weniger erotisch als in den Videoclips der 80er Jahre. Mitreißend ist der Formationstanz, wenn die junge Company in Turnschuhen und Shorts loszappelt, was die Samba-Rhythmen hergeben. Solche freien Tanzfiguren machen den Straßenkarneval aus, der eben nicht immer organisiert ist in Rio de Janeiro (Samba no pé). Percussionist Marcos Esguleba führt in die Samba-Rhythmen ein und lässt das Publikum mitklatschen. Und die Company zeigt, wie einige Samba-Tänze mit dem Tango korrespondieren. Aber ihre Energie versprühen sie nach außen, stecken einen mit Frohsinn an, der vom vibrierenden Rhythmus der Samba aufgeladen ist. Herrlich.

Die Show

Samba als Kulturform: erhellend, begeisternd und feinsinnig.

Brasil Brasileiro in der Kölner Philharmonie. Bis 10. August.

Tel. 01805/2001 (14 Cent/pro Min.); Tel. 0221/204080

www.bb-promotion.de

Quelle: wa.de

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