Ian Bostridge singt Liedraritäten in Dortmund

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Präsentierte in Dortmund selten interpretierte Lieder von Haydn und Beethoven: Ian Bostridge.

DORTMUND - In den Gedichten des schottischen Dichters Robert Burns und in Romanen von Sir Walter Scott stürmen brave Schotten immergrüne Hügel herunter, um hernach beim Bier ihre Taten zu feiern. Das taugte schon Ende des 18. Jahrhunderts als Projektionsfläche für ein europäisches Publikum.

Die Vertonungen schottischer und englischer Lieder von Haydn und Beethoven sind heute hauptsächlich Liebhabern bekannt, im Konzert erklingen sie selten. Im Konzerthaus Dortmund präsentierte der englische Startenor Ian Bostridge mit dem Oberon-Trio eine Auswahl. Er entwickelte aus den volksliedhaften Miniaturen eine Karte der frühnationalistischen Sehnsüchte, eine Reiseroute romantischer Phantasien zu Fingals Kämpferhorde nach Irland und zum englischen Jugendlichen, der sich über die Wirren des Lebens mit einer munteren Melodie hinwegtröstet in Haydns „John O’Badenyon“.

Leider wollten kaum 250 Menschen dieses feine Konzert mitten in der Woche hören. Zu unbekannt war wohl das Material. Dabei führt es, gerade wenn ein analytisch versierter Sänger wie Bostridge am Werk ist, tief in Europas Ideengeschichte.

Bostridge singt Haydns „The Britons“, die Vertonung eines Textes der Lied-Dichterin und Haydn-Muse Anne Hunter, mit einem Pathos, dessen nationalistisches Schwelgen uns fern stehen mag – doch von solchen Stoffen nährte sich das noch kindliche Gebilde, das wir heute als Nation kennen. Bostridge markiert die Schwärmerei von toten Helden alter Zeiten als Fluchtpunkt von Sehnsüchten – und singt mit einer vorsichtigen Zärtlichkeit, die darauf verweist, wie tief Mythen im kollektiven Gedächtnis wurzeln.

„Edinburgh Kate“ und „My Love She’s But a Lassie Yet“ sind komische Skizzen, in denen der Sänger den Frauen nachschmachtet. „The Happy Cambrians“ spürt mit seiner fröhlichen Geigenbegleitung einem Ort von Gemeinschaft nach. Bostridge stellt die frohe Runde vor, um sich in der letzten Strophe in leise Melancholie zurückzuziehen. Dafür braucht er nur eine leichte Vokaleintrübung, eine leichte Variation der Phrasierung.

Die Begleitung durch das Oberon-Trio ist vorzüglich: Aufmerksam folgt es Bostridge durch volkstümliche Lustigkeit und Naturromantik in persönliche Abgründe hinein. Allein spielt es Haydns d-moll-Trio, leicht skizziert und mit behutsamer Gravität, und die wunderschöne c-moll-Phantasie des englischen Komponisten Frank Bridge (1907).

Die Beethoven-Lieder offerieren einen persönlicheren, pathetischeren Ton. „The Pulse of an Irishman“ singt Bostridge wie angeschickert von Ruhm, Bier und Frauen. „Avenging and bright“ ist eine Beschwörung des alten Ulster. Die Helden sind tot, die Nachkommen schwören Rache, Bostridge lässt einen Hauch Subversion einsickern.

Sir Walter Scott, Erfinder des geschichtlichen Romans, schrieb „The Return to Ulster“, eine Heimkehrer-Fantasie. Bostridge spaltet sie als Dreiklang der Sehnsucht auf: mit einem Schwelgen, das, wie er mit einem leicht überspielten Akzent auf dem Wort „return“ andeutet, etwas Überspanntes hat, in der ersten Strophe; in der zweiten als romantische Phantasie, die sich zu kühler Ekstase aufschwingt. In der dritten Strophe schlägt der Überschwang um. Bostridge braucht dafür zwei Wörter. Der Text fragt, warum die Erinnerung das Herz noch brennen lässt, und auf „burn“ flackert noch einmal Erregung auf. Aber es heißt weiter: Dies sind Tage der Täuschung, die nicht wiederkehren können. Auf „delusion“ erstickt der Traum an der Realität.

Einen neuen Spannungsbogen öffnet Bostridge mit der Zugabe: „Avenging and bright“ klingt in einer Bearbeitung von Benjamin Britten direkter, mit seinem marschierenden Rhythmus martialischer als bei Beethoven, aber auch getränkt von einer Unruhe, die direkt unter der Oberfläche gärt. Die Zeit der mythischen Krieger ist vorbei. Darüber hätte man gern noch mehr gehört.

Quelle: wa.de

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