Boris Charmatz‘ Choreografie „enfant“ bei der Ruhrtriennale

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Wie im Rausch: Szene aus dem Stück „enfant“ von Boris Charmatz. ▪

Von Edda Breski ▪ BOCHUM–Als die Reformpädagogin Ellen Key 1900 das angehende 20. Jahrhundert zum „Jahrhundert des Kindes“ erklärte, war noch nicht einmal die Emanzipation der Frau realisiert. 112 Jahre später scheint das kein großes Thema mehr, das Motto ist heute eher „anything goes“. Der französische Choreograf Boris Charmatz wirft mit „enfant“ einen düsteren Blick auf das Kindsein. Bei der Ruhrtriennale wurde das Stück am Wochenende zum Start der üppig besetzten Tanzreihe des Festivals zwei Mal gezeigt.

In der Bochumer Jahrhunderthalle sind Maschinen auf ein Podest gesetzt worden. Ein Kran zieht Tänzer in die Höhe wie Spielzeug. Drei hüpfen auf einem Rüttelboden monoton auf- und übereinander. Die Geräte haben zunächst mehr Ausdruck als diese entmenschlichten Figuren, die pendelnden Tänzer der Charmatz-Truppe „Musée de la Danse“.

Die Tänzer holen sich eigene Spielpuppen: Kinder, die schlaff in ihren Armen hängen, 17 Mädchen und Jungen im Grundschulalter. Die Tänzer fallen mit ihnen, verbiegen sie wie Gliederpuppen. Rhythmisches Schreien erfüllt den Raum, wie von Kindern oder einem Dohlenschwarm. Michael Jackson singt „Billie Jean“, eine Tänzerin hält ein dunkelhäutiges Mädchen vor sich und lässt es zucken wie Jackson. Man denkt an die einschlägigen Vorwürfe gegen den Sänger. Die Kinder werden getragen wie Schätze, geworfen wie Schlenkerpuppen. Später wird die Truppe sie hinlegen und ekstatisch um sie herumbalzen. Die 17 sind sehr gut vorbereitet worden; sie müssen tiefes Vertrauen haben, damit die Choreografie funktioniert.

Die Tänzer sind außer sich, schwitzen, keuchen, aber ihre Gesichter bleiben ausdrucklos. Die Kleinen sind „Mini-Mes“ der Tänzer, kopieren ihre Bewegungen. Alle rennen hinter einem Sackpfeifer her wie in einem Hexenkessel.

Charmatz, der in Rennes arbeitet, hat mit „enfant“ beim Festival von Avignon 2011 für Aufsehen und Entsetzen gesorgt. Denn „enfant“ ist eine Reflexion über den Missbrauch des Kindes und der Kindheit, die noch heftiger wirkt, weil auch die Erwachsenen gesteuert werden. Das Kind ist als Sehnsuchtsobjekt besetzt. Erlösung verspricht der gemeinsame Ausbruch. Mit ungestörtem Kindsein hat das nichts zu tun. Charmatz entwickelt sein Thema in langen Sequenzen bis zu dem Moment, in dem das Gleichgewicht kippt. Die Mädchen und Jungen stürmen los – Kinder an die Macht. Die Erwachsenen tanzen ins Delirium. Auftritt des Sackpfeifers.

Quelle: wa.de

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