Böckstiegel-Ausstellung in Haus Opherdicke

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Versunken in sich: Böckstiegels Gemälde „Kind meiner Schwester Anna“ (1927).

Von Ralf Stiftel ▪ HOLZWICKEDE–Verloren sitzt sie da, Lieschen, das „Kind meiner Schwester Anna“, auf Peter August Böckstiegels Gemälde von 1927. Ihre Augen weichen dem Blick des Betrachters aus, an die Blumen in ihrer Hand scheint sie nicht zu denken. Das Kleid ist hochgerutscht, ihr Oberschenkel entblößt. Die ganz alltägliche Szene lebt aus dem, was nicht darin erzählt ist. Aus dem spannungsreichen Spiel der Rottöne. Aus dem klaren Bildaufbau mit Diagonalen und Vertikalen. Aus dem Nebeneinander von Erotik und Kindlichkeit.

Ein sehr modernes Bild ist das, zu sehen in der Ausstellung „Peter August Böckstiegel – Mit der Erde verbunden“ in Haus Opherdicke. Der Kreis Unna möchte diesen Kunststandort in Holzwickede zu einem Gegenstück von Schloss Cappenberg aufbauen. Nun zeigt er hier eine hochkarätige Werkschau des westfälischen Expressionisten. Gerade richtig für den Frühling kommt diese farbstarke Malerei daher.

Mehr als 90 Werke hat Thomas Hengstenberg, Fachbereichsleiter Kultur des Kreises Unna, von der Peter-August-Böckstiegel-Stiftung entliehen. Die Einrichtung im Elternhaus des Künstlers in Arrode bei Werther betreut den Nachlass und verfügt über einen imponierenden Bestand. Sie zeigte sich großzügig und lieh Hauptwerke wie das lebensgroße Porträt von Vater und Mutter (1925). Da steht der Vater, hält Axt und Forke in den Händen, den von harter Arbeit gezeichneten Körper gebeugt, die Füße in klobigen Holzschuhen. Die Mutter stützt sich auf einen Stock, die Schale mit Äpfeln scheint ihrer Hand zu entgleiten, das Gesicht unter dem Kopftuch wirkt erschöpft. Böckstiegel beschönigt nichts. Und doch geben die harten Pinselstriche mit den klaren Farben diesen Figuren Halt, lassen sie monumental aussehen wie uralte Götter. Das Bild erscheint beinahe wie ein Relief, so durchformt ist es, und fast übersähe man das verspielte Detail der kleinen Katze zu Füßen der Mutter.

Böckstiegel (1889-1951) steht zwischen Tradition und Moderne. Der Ausstellungstitel deutet sein Selbstverständnis als „urwestfälischer“ Künstler an. Einerseits nahm er die Impulse der Avantgarde durchaus auf, war tief beeindruckt von der Sonderbundausstellung in Köln 1912. Insbesondere van Gogh ist als Vorbild in vielen Gemälden leicht zu identifizieren, schon die Motivwahl von Feldarbeit, Porträts knorriger Bauern, aber auch Landschaften leitet sich eindeutig aus dieser Quelle ab. Auch der Umgang mit der Farbe, die als aufgetragene Paste erkennbar bleibt, ist verwandt. Und als er in Dresden studierte, kam er mit jungen Kollegen in Kontakt, mit Otto Dix und Conrad Felixmüller, dessen Schwester Hanna er 1919 heiratete. Seinen Sohn nannte er Vincent.

All die Dorfbilder sind dem 19. Jahrhundert verhaftet. Es ist eine von Industrie und Technik unberührte Welt, und wäre nicht seine ganz andere Maltechnik, könnten die Porträts auch früheren Epochen entstammen. Selten bricht er damit, zeigt seine Frau im modischen Sommerkleid (1927) und ein junges Mädchen im Liegestuhl. Seine so vitalen Stillleben, zum Beispiel das mit Orangen (1930) und das herbstliche (1938), verweisen auf eine weitere Inspiration: Cézanne.

Als die Nazis die Macht übernahmen, musste Böckstiegel nicht fliehen. Er konnte sogar gelegentlich ausstellen, wurde widerwillig Mitglied im Künstlerverband. Seine Bilder wurden trotzdem verfemt. Im Krieg wurde sein Dresdner Atelier mit vielen Werken zerstört. Er, der zwar Preise gewann, aber trotzdem nie richtig gut von seiner Kunst leben konnte, hatte einen neuen Rückschlag erlitten. In der DDR wurde er anerkannt, Dresden richtete ihm ein Ehrenatelier ein.

Die schöne Schau bietet Werke in allen Medien, von frühen Zeichnungen wie der Dorfansicht von Werther (1914) und Skulpturen über Aquarelle aus seiner Weltkriegszeit, in der er Rumänen darstellte, und eindringliche Druckgrafik bis zum großen Pastell von Flüchtlingsfrauen (1949).

29.4.-12.8., di – so 10.30 – 17.30 Uhr, Tel. 02301/ 918 39 72, http://www.kulturkreis-unna.de

Quelle: wa.de

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