Bochum feiert 100. Geburtstag seines Schauspielhauses

Sprechen über Theater: Moderatorin Sonia Mikich (von links), der Intendant des Schauspielhaus Bochum, Johan Simons, Regisseur und ehemaliger Bochumer Intendant, Leander Haußmann, und Tanztheaterchoreografin Reinhild Hoffmann auf der Bühne. Foto: sadrowski

Bochum – Auch an einem Festtag kann man verschiedener Meinung sein. Im Schauspielhaus Bochum sagte der Leiter der Ruhrfestspiele, Olaf Kröck, der ein Jahr das Bochumer Haus leitete: „Das ist total falsch!“ Er reagierte auf Hermann Beil, Dramaturg von Claus Peymann, der mit dem Patriarchen von 1979 bis 1985 am Schauspielhaus Bochum auf unvergessene Weise gewirkt hatte. Und warum soll man nicht zum 100. Geburtstag der Bochumer Bühne den Geniekult beatmen. „Bochum war die einzige Stadt, die uns wollte“, sagte Beil. Peymann war in Stuttgart vor die Tür gesetzt worden. In Bochum fand er eine „große Gemeinsamkeit“, resümierte Beil, und das Publikum im Schauspielhaus war gerührt. Peymann, der die Wiener Burg und das Berliner Ensemble geführt hatte, musste seinen Bochumern absagen, er war erkrankt. Beil sprach nun von „Hingabe“, als die ehemalige WDR-Journalistin Sonia Mikich („Monitor“) nach den Arbeitsbedingungen am Theater fragte und „Selbstausbeutung“ meinte. Für Beil ist das kein böses Wort. „Selbstausbeutung ist nicht vermeidbar“, so Beil. Dass dabei immer die Frage mitschwingt, wie gelingt große Kunst, machte Kröck noch bissiger. Er habe den probenfreien Samstag am Schauspielhaus eingeführt. „Denn vor allem weibliche Kollegen haben den Nachteil“, sagte Kröck und wendete sich gegen den Regiekult alter Schule.

Auch Intendanten sind auf der Bühne unterhaltsam. Matthias Hartmann, von 2000 bis 2005 in Bochum, wurde sogar persönlich. „Mir ist es in der Zwischenzeit schlecht ergangen.“ Hartmann war wegen eines Finanzskandals an der Wiener Burg mit Vorhaltungen 2014 entlassen worden. Man habe sich bei ihm politisch entschuldigt, sagte Hartmann, und zugegeben, dass das Finanzdebakel in Wien vor seiner Zeit angerichtet worden sei. Hartmann war das wichtig, merkte man ihm an. „Ich wollte nach Bochum“, sagte er und habe den Kulturdezernenten der Stadt einfach angerufen und gefragt: „Warum rufen Sie mich nicht an?“ Hans-Georg Küppers entgegnete: „Ich wollte mal sehen, wer länger durchhält.“ Hartmann bekam den Job und sorgte für einen Rekord bei den Theaterabos.

Reinhild Hoffmann war mit ihrem Tanztheater zu Frank-Patrick Steckel (1986–1995) ans Schauspielhaus gekommen. Sie leistete Pionierarbeit für den Tanz, und sie profitierte vom dramaturgischen Apparat des Hauses, wie sie sagte. Doch trotz der 40 Auftritte ihrer Tanzkompanie blieben Synergien die Ausnahme. Peter Handkes Stück „Die Stunde, da wir nichts von einander wussten“ war eine Ausnahme.

Neben Mikich fragte Vasco Boenisch, Bochums Chefdramaturg, in die Runde. Wie politisch ist Theater? Anselm Weber, von 2010 bis 2017 Intendant, führt heute das Theater Frankfurt. Er breitete keine Regiekonzepte aus, sondern zielte gleich auf den „Feind“, die AfD. „Die Kultur ist der erste Angriffspunkt der AfD“, sagte Weber und erinnerte daran, dass die AfD in Landtagen und Kommunen, wo sie eingezogen sei, gleich die Kultursubventionen kürze. „Es geht um Verteilungskämpfe“, sagte Weber, der das launige Geplauder zum 100. Geburtstag mit etwas Wirklichkeit beschwerte.

Krisen kennt das Bochumer Theater, weil das Haus auf die Opel-Schließung reagierte und der Abzug des Handyherstellers Nokia der einstigen Bergbaustadt weitere Arbeitsplätze kostete.

Johan Simons ist Bochums aktueller Intendant. Der Niederländer, der die Münchner Kammerspiele und die Ruhrtriennale leitete, reagiert auf die Migration und die politischen Fragen mit einem internationalen Ensemble. „Man hört viele Sprachen heute in den Städten, das will ich herstellen“, sagte Simons. Er zeigte sich schlagfertig und weiß, welche Themen derzeit wichtig sind. „In München waren die Leute auf der Suche nach Problemen, in Bochum hat man welche.“

Dass auch das Theater in der Krise ist, will Simons nicht stehen lassen. Als Leander Haußmann, Film- und Theaterregisseur, erzählte, dass er leidenschaftlicher TV-Serien-Gucker sei und Drehbuchschreiber von Netflix auch besser bezahlt würden, griff Simons ein. Es ging um die Magie im Theater, wenn etwas Einmaliges zwischen Schauspielern und Publikum passiert. „Und das weist Du doch auch“, sagte Simons und klopfte dem jüngeren Kollegen auf die Schulter.

Es gab dazu einen sehr langen Applaus von 800 Zuhörern in Bochum.

Festakt

Beim Festakt in Bochum gratulierte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sowie Bochums OB Thomas Eiskirch (SPD) dem Schauspielhaus. In seiner Ansprache unterstrich Laschet den überregionalen Stellenwert des Bochumer Theaters: „Theater bleibt auch in Zeiten von Streaming und Smartphone ein spannendes Angebot. Theater verlangt unsere volle Aufmerksamkeit und es belohnt uns mit dem Besten: Mit einem tiefen Einblick in die Vielfalt der Menschen, der Charaktere, des Lebens.“

Quelle: wa.de

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