Bionik - Patente der Natur im Naturkundemuseum

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Weshalb Eisbären nicht frieren, erklärt das Naturkundemuseum Münster in der Schau „Bionik“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ MÜNSTER–Er ist ein kleiner Verführer, der Roboter Nao. Die zwei Kameras in seinen Augen erkennen den Besucher des Naturkundemuseums in Münster. Und schon rappelt er sich auf, sein Sprachprogramm startet, und er grüßt freundlich. Es folgt eine Vorführung, die Nao als Tänzer zeigt, der Balancetechniken präsentiert. Klasse!

Diese Technik muss gefeiert werden, weil sie so menschlich daherkommt. Nao ist das Produkt der Firma Aldebaran Robotics aus Paris, die 2005 gegründet wurde. Nao ist der heimliche Star der Ausstellung „Bionik – Patente der Natur“. Und er ist vielleicht die Krone der Bionik-Schöpfung, weil sein Vorbild der Mensch selbst ist. Der humanoide Roboter sorgt für Akzeptanz, er wirkt in die Gesellschaft hinein. Die Maschine macht sich auf den Weg aus den Werkshallen in die Wohnhäuser. „Tschüss“, sagt er in Münster mit französischem Akzent, „ich mache eine halbe Stunde Pause.“

In dieser Zeit kann man unmöglich der großen Ausstellung im Naturkundemuseum gerecht werden. Auf 1200 Quadratmetern sind über 800 Exponate präsentiert, die das Thema Bionik (Kunstwort aus „Biologie“ und „Technik“) ganz anschaulich und staunenswert aufschließen: Wenn die Klette mit ihren borstigen Haaren dem Klettverschluss an Schuhen und Taschen vorsteht; wenn das höchste Gebäude der Welt, der Burj Khalifa in Dubai, nach dem Schachtelhalm-Prinzip gebaut ist und der Schwimmanzug von Michael Phelps eine Haifisch-Haut imitiert. Für Alfred Hendricks, Direktor des Naturkundemuseums, ist es die größte Bionik-Schau Deutschlands. Ab 1. Juli geöffnet.

Das Naturkundemuseum am Allwetterzoo zählt zu den großen Häusern des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). Seit 30 Jahren werden jährlich mehr als 100 000 Besucher gezählt, sagt LWL-Direktor Wolfgang Kirsch. Und die neue Ausstellung, die die Dinosaurier-Schau ablöst, belegt auch, warum. Wieder ist die ganze Familie angesprochen. Naturvorbilder werden plastisch und bildstark präsentiert, wie der Eisbär, der nicht friert, obwohl er dem Wind der Arktis trotzt und auch noch „baden“ geht. Das Fell des Eisbären lagert Luft ein. Seine Haare leiten Licht auf die Haut, die schwarz ist und so Wärme besser speichern kann als helle Haut. Das Luftposter lässt sich spüren, streichelt man sein Fell und vergleicht es mit dem Wolf. Eine Firma hat dunklen Kunststoff mit Luftlamellen entwickelt, der wärmeisolierend wirkt und für den Hausbau infrage kommt – statt weißer oder schwarzer Farbe.

Innovation ist wichtig. Unsere Industriegesellschaft braucht Lösungen und findet sie in der Natur. Beispielsweise hat der Autobauer Daimler eine strömungsideale Form gesucht. Der Pinguin ist so ein Ideal, aber als Vorbild für ein Auto zu klein. In den Korallenriffs der Meere lebt allerdings der gelb-schwarze Kofferfisch, der trotz kantiger Form sehr gute Werte im Windkanal erzielte. Das Modell hat keine Außenspiegel, sondern kleine Filmkameras. Die Türgriffe sind eingezogen. Alles glatt. Die Daimler AG stellte ihr Bionik Car dem Naturkundemuseum zur Verfügung.

Mit der Hilfe von Partnern aus der Wirtschaft und einer Etat-Aufstockung des LWL (von 2007) konnte die Ausstellung so vielfältig werden, sagte Museumschef Hendricks. Kuratoren sind Jan Ole Kriegs, Anika Seyfferth und Friederike Ehn. Sie wissen, die Patente der Natur hat bereits Leonardo da Vinci genutzt, der Vögel beobachtete, bevor er seine Flugmaschinen entwarf. Auch der Gleiter von Otto Lilienthal ist im Museum. Der deutsche Flugpionier erkannte am Storchenflug, dass die Wölbung der Flügel entscheidend sein muss (Bernoulli-Effekt). Eine Weiterentwicklung ist der Jet-Flügel des Airbus 320 mit „Wingtips“ an den Flügelkanten. Die schmalen Ausfächerungen reduzieren Verwirbelungen und sparen Kerosin. Der riesige Airbus-Flügel ist vor dem Museum zu sehen. Und ein Modell zeigt, dass Wissenschaftler wieder weiter sind und mit Split-Wing-Loops arbeiten. Folglich werden die künftigen Tragflächen mit runden Endstücken versehen werden. In Münster lässt sich aerotechnische Forschung erleben.

Auch Designer nehmen Techniken und Formen aus der Natur an. Wie eine Brücke, die aus einer Röhre konstruiert wird. Mit der Soft Kill Option (SKO) wird Material aus der Röhrenform genommen, das für die Stabilität unwichtig ist. Als Vorbild dient das Innere eines Knochens, das aus Kammern und Knochenbalken besteht. Ein Computerprogramm errechnet die Materialersparnis. Die Firma ahw ingenieur (Münster) hat bereits einen Ski für den Sommer mit SKO hergestellt. Imposantes Beispiel für diese Bionik ist der Eiffelturm in Paris, der dem Tragwerk eines Oberschenkelknochens nachempfunden ist. Ein sieben Meter großes Modell steht in der Schau.

Am Anfang der Ausstellung wird im „Patentamt der Tiere“ daran erinnert, dass der Mensch die Ergebnisse der Evolution nutzt. Dabei geht es in Münster nicht nur um Produkte für die Wirtschaft, sondern auch um Verantwortung gegenüber der Natur. Viele Firmen werben mit bionischen Lösungen und ihrer Nähe zur Natur. Aber Umweltprojekte entwickeln die Firmen nicht, die von der Natur profitieren. Geht es letztlich nur um die Ausbeutung von Know how? Der Imagegewinn für Firmen ließe sich steigern, wenn neben dem Bionik-Produkt auch die Natur selbst profitieren könnte.

Die Schau

Eine großartige Ausstellung: lehrreich, sinnlich, aufklärend – und sie wirbt für ein neues Verhältnis zur Natur.

Bionik – Patente der Natur im LWL-Museum für Naturkunde in Münster.

Ab 1. Juli bis 17. Juni 2012. di-so 9 bis 18 Uhr geöffnet; Publikation 14,80 Euro

Tel. 0251 / 59105;

http://www.lwl-naturkundemuseum-muenster.de

Quelle: wa.de

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