Der Bildhauer der Arbeit: Constantin Meunier in Brüssel

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Muskelbepackt und doch unheroisch: Mit dem lebensgroßen Puddler (1884/1887–1888) schuf Constantin Meunier eins seiner Meisterwerke.

Von Ralf Stiftel BRÜSSEL - Kraftlos hockt der Puddler auf dem Hocker. Er trägt den Helm, die dicke Lederschürze und die schweren Schuhe, die ihn vor Funken und Spritzern von flüssigem Eisen schützen sollen. Aber sein muskulöser Oberkörper ist nackt. Mit der Rechten stützt er sich auf dem Schenkel ab, die Linke hängt schlaff herab. Überaus lebensnah zeigt die lebensgroße Bronze dem Betrachter den Mann, der nach harter Arbeit ausruht.

Für Skulpturen wie diese wurde Constantin Meunier bewundert. Auguste Rodin nannte ihn den „größten Künstler unseres Jahrhunderts“. Und Vincent van Gogh fand, dass der belgische Künstler derjenige sei, der alle Dinge malte, von denen „ich geträumt habe, dass ich sie machen sollte“. Vor dem „ruhenden Puddler“ (1884-1888) im Königlichen Museum für schöne Künste in Brüssel spürt man, was diese Männer so beeindruckte. Meunier hatte konsequent die Welt der Arbeit als Thema von Gemälden und Skulpturen erschlossen. Viele Museen bewahren heute seine Werke, in Deutschland zum Beispiel die Berliner Nationalgalerie und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Aber seit der Gedenkausstellung in Leuwen 1909, vier Jahre nach seinem Tod, gab es keine Retrospektive mehr. Das Brüsseler Institut holt das jetzt nach und erschließt erstmals umfassend ein Werk von europäischem Rang.

In der rund 150 Exponate umfassenden Retrospektive ist erstmals das Schaffen Meuniers in seiner ganzen Breite zu überschauen. Als er seine populärsten Skulpturen schuf, war er bereits 50 Jahre alt. Da hatte er bereits eine lange künstlerische Laufbahn absolviert, die bisher kaum in den Blick kam. Er wurde 1831 in Etterbeek geboren, heute ein Stadtteil von Brüssel, in der unruhigen Zeit, als Belgien gerade seine Unabhängigkeit erlangte. In den Unruhen war das Finanzamt von Etterbeek geplündert worden, Meuniers Vater, Finanzbeamter, verfiel darüber zusehends in Depressionen und starb 1835. Constantin, jüngstes von sechs Kindern, geht mit 14 Jahren an die Akademie, sein Talent war schon früh aufgefallen. Er studierte zunächst Bildhauerei, dann Malerei, weil er glaubte, darin freier arbeiten zu können. Und dann beginnt eine mühselige Karriere.

Meunier steht zunächst ganz in der akademischen Tradition. In der Ausstellung sieht man religiöse Szenen, Allegorien, Genreszenen und bürgerliche Porträts. Eins der ältesten erhaltenen Werke schuf er 1854, das „Weihwasserbecken“, aus dem sich eine Bürgerin die segenbringenden Tropfen holt. Meunier steht ganz in der römisch-katholischen Tradition. Er besucht das Trappistenkloster in Westmalle, malt „pflügende Mönche“ (1863) und das „Begräbnis eines Trappisten“ (1860), stilisierte Szenen in erdigen Tönen. Gefühlsgeladene Bilder wie eine „Heilige Veronica“ (um 1867-1870) die direkt vor dem kreuztragenden Christus den tränenschweren Blick nach oben richtet, lassen den späteren Realisten noch nicht ahnen.

Er sucht durchaus Anschluss an die Moderne. 1868 gehört er mit Félicien Rops zu den Gründern der Societé libre des Beaux-Arts in Brüssel. Schon vorher war er beeindruckt von Bildern der französischen Freiluftmaler wie Gustave Courbet. Seine Motive findet er, als er um 1880 das damalige Industriezentrum bereist, die Borinage, in der später auch van Gogh kurze Zeit leben wird. Hier sieht er Glasbläsereien und Stahlwerke, was sich in ersten Bildern vom „schwarzen Land“, Landschaftsansichten mit Schienensträngen, düstren Fabrikbauten, rauchenden Schloten niederschlägt.

1882 führt ihn ein Auftrag nach Sevilla, dort soll er ein Altarbild kopieren. Er besucht dort die Tabakmanufaktur, malt Tänze in Kneipen und pittoreske Straßenszenen. Die Reise markiert einen Wendepunkt. Nun kehrt er zur Bildhauerei zurück. Er wird zwar nicht Mitglied der Gruppe Les XX, in der sich die Brüsseler Avantgarde zusammenschloss. Aber er wird ein fester Gast dort. Und nun entstehen Gemälde und Bronzen, die die Industriearbeit in die Moderne bringen.

Er hat diese Motive nicht erfunden. Courbets „Steinbrucharbeiter“ und Millets Bauern kannte er, wahrscheinlich auch Adolph von Menzels „Eisenwalzwerk“ (1872-75), das auf der Weltausstellung in Paris zu sehen war. Aber er bearbeitete diese Motive systematisch. Die monumentalen Leinwände wie „Das Stahlgießen in Seraing“ (ca. 1880), in denen er die Industrie zum glühenden, dampfenden, zischenden Drama stilisiert, in denen die Arbeiter mit nacktem Oberkörper wie antike Helden agieren. 1900 malt er das dreieinhalb Meter breite Triptychon des Bergwerks, das die Kumpel schon weniger heroisiert. Er richtet auch den Blick auf den Alltag. Im „Plausch“ (ca. 1890) zeigt er einen Bergmann und eine Bergarbeiterin an der Haustür. In jener Zeit arbeiteten auch Frauen untertage. Vielleicht bahnt sich da etwas an.

Einerseits erlebte er nun endlich seinen Durchbruch. 1887 wurde er als Lehrer an der Akademie in Leuven angestellt. Er wurde von Galeristen wie Siegfried Bing, von Sammlern wie Karl-Ernst Osthaus und Kollegen wie Henry van de Velde und Victor Horta entdeckt. Er bekam prestigeträchtige Aufträge wie das „Monument für die Arbeit“, das in Brüssel steht, aber erst 1930 vollendet wurde. Andererseits erlitt er schwere Schicksalsschläge: 1894 starben zwei seiner Söhne.

Seine Skulpturen zeigen gewiss das Beste an ihm. Die Büste des Bergmanns mit Beil (1900), der so nüchtern dreinblickt. Der „trinkende Mann“ (1890). Das Relief des Kumpels in der Steinkohleader (1892). Meunier zeigt Empathie für die Kreatur, wenn er das alte Grubenpferd (1890) in seiner Erschöpfung zeigt, mit den vortretenden Rippen. Nach einem Grubenunglück schafft er eine moderne, weltliche Pieta: die Mutter, die um ihren bei der Staubexplosion gefallenen Sohn trauert (1880-1890).

Constantin Meunier. Königliche Museen der Schönen Künste in Brüssel. Bis 11.1.2015, di – so 10 – 17 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 508 33 33, www.expo-meunier.be,

Katalog (nl./fr.) 39 Euro

Allg. Info: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221 / 270 97 70

www.flandern.com

Quelle: wa.de

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