Bilder des Magnum-Fotografen Paolo Pellegrin in Iserlohn

+
Komponiert wie eine mittelalterliche Kreuzabnahme: Paolo Pellegrins Aufnahme einer Anti-Mubarak-Demonstration auf dem Tahrir-Platz in Kairo, 2011, ist in Iserlohn zu sehen. ▪

ISERLOHN – Der Mann hat die Augen geschlossen, sein Mund steht offen. Andere Männer tragen ihn auf ihren Händen. Große Teile der Szene in Reporter-Schwarz-Weiß verschwimmen in Unschärfe.

Wir haben den Eindruck, dass dieses Bild in großer Eile entstand und dass der Fotograf ganz nah dabei stand. Paolo Pellegrin hat die Dynamik und die Dramatik von Geschichte eingefangen in dieser Szene von einer Anti-Mubarak-Demonstration auf dem Tahrir-Platz, 2011.

Zu sehen ist das Bild in der Städtischen Galerie in Iserlohn. Die Ausstellung „As I was Dying“ setzt die erfolgreiche Reihe mit Arbeiten von Mitgliedern der Foto-Agentur Magnum fort. Diesmal freilich bietet die Schau – als Kontrast zur Vorweihnachtszeit – harten Stoff an.

Der Italiener Pellegrin, 1964 in Rom geboren und seit 2005 Magnum-Mitglied, stellt sich mit rund 85 journalistischen Arbeiten vor, die hauptsächlich in Kriegs- und Krisengebiete entstanden sind. Zum Teil, wie das eingangs erwähnte Bild, hochaktuell.

Pellegrin arbeitet auch in Farbe, aber die Bilder in Iserlohn sind alle schwarz-weiß. Es ist eine bewusste Abstraktion, denn der Fotograf arbeitet längst mit einer Digitalkamera. Und doch knüpft er an die Tradition jener Kollegen an, die einst wie Robert Capa an Fronten arbeiteten. Unschärfe dient Pellegrin als Stilmittel, ebenso eine gewisse Grobkörnigkeit, wie in der Aufnahme eines Hubschraubers in Afghanistan, der nach einer Mission gegen den Mohnanbau zur Landung ansetzt (2006). Das Flugzeug verschwindet als Schemen beinahe in einer gewaltigen grauen Wolke, und nur ein einzelner Soldat taucht klein vorn im Zentrum des Bildes auf.

Doch so spontan die Fotos auch wirken, so bewusst sind sie komponiert. Oft arbeitet Pellegrin mit dem Bildvokabular der Kunstgeschichte. Das eingangs erwähnte Foto, auf dem Demonstranten offenbar einen Verletzten in Sicherheit bringen, zitiert altmeisterliche Altarbilder mit dem Motiv der Kreuzabnahme. Der Fotograf lädt seine Fotos so mit Pathos und Emotionen auf. Und so hart und unmittelbar er auch an oft blutigem Geschehen ist, so direkt er auch mit Leid und Verletzung umgeht, so sehr achtet er doch auf die Würde der dargestellten Personen. Offensichtlich wird das in einer 2009 entstandenen Serie mit Porträts von palästinensischen Jugendlichen aus dem Gaza-Streifen. Sie alle wurden bei israelischen Angriffen verwundet. Den zwölfjährigen Ismail Abdel Jawab zeigt Pellegrin nackt. Ein schöner Knabe, in der Bewegung aufgenommen, und offensichtlich bezieht sich der Fotograf auf Michelangelos David. Aber selbst eine gnädige Unschärfe verbirgt nicht, dass Ismail an entscheidender Stelle beschädigt wurde: Eine vergessene Mine riss seine Genitalien ab.

Pellegrin ergreift Partei, zeigt Verwundete, Tote, die Erschütterten und Schockierten, die nach einem Luftangriff in der Staub- und Rauchwolke in Beirut stehen (2006). Der Fotograf geht auch auf die andere Seite der Front, porträtiert den Scharfschützen der israelischen Armee (2004) mit halb verschattetem Gesicht, kühl in die Kamera blickend, ein Mann, der nur seinen Job macht. Die israelische Siedlung Har Homa auf der Westbank lichtet er aus der Ferne ab wie eine mittelalterliche Trutzburg.

Der Fotograf arbeitet nicht nur im Nahen Osten. Zu sehen ist ebenso das am Boden liegende Flüchtlingskind im Sudan mit den verkrüppelten Beinen (2004). Oder die Straßenkinder in Haiti, Mitglieder einer Straßengang, die mit Sonnenbrillen und Pistolen auf erschreckende Weise Filmgangster imitieren (2006). Und auch die wenigstens gewaltfreie Trauer von Gläubigen in Rom nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. (2005) fasste er in intensive Nahaufnahmen. - Von Ralf Stift ▪

Paolo Pellegrin in der Städtischen Galerie Iserlohn. Bis 24.2.2013, mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr, Tel. 02371/2171970, http://www.galerie-iserlohn.de,

Katalog 40 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare