„Bilder deiner großen Liebe“: Wolfgang Herrndorfs letzter Roman ist unvollendet

+
Wolfgang Herrndorf

Von Ralf Stiftel In Wolfgang Herrndorfs Bestseller „Tschick“ hat neben den beiden Jungs noch das großmäulige Mädchen Isa einen kurzen, aber hinreißenden Auftritt. Viel zu schade, sie damit abzulegen. Auch wenn sie sich am Ende noch mit einer Postkarte bei Maik meldet.

Tatsächlich hatte der Autor noch einiges vor mit dieser pubertierenden Heldin. Aber sein Hirntumor hinderte ihn daran, das Buch fertig zu schreiben, das er plante. Immerhin hinterließ er, als er sich im August 2013 umbrachte, einen Text. Und er wollte, dass das erscheint, freilich ohne „Germanistenscheiß“, ohne Apparat, Varianten und mehr. Einfach ein Text, wie er ist, von seinen Lektoren Marcus Gärtner und Kathrin Passig in eine Form gebracht.

Jetzt liegt also Herrndorfs letztes Buch vor, ein „unvollendeter Roman“, so der Untertitel: „Bilder deiner großen Liebe“. Es ist wieder eine Art Roadmovie, eine Abfolge von Szenen. Isa Schmidt reißt am Anfang aus. Nur im weißen T-Shirt und der Camouflage-Hose entflieht sie der Irrenanstalt.

Isa ist eine seltsam zusammengesetzte Kindfrau. Sie sagt: „Ich bin kein Mädchen wie andere Mädchen.“ Sie stellt sich vor, „wie mein Leben jetzt weitergehen würde, wenn es nicht mein Leben wäre, sondern ein Roman.“ Dann läuft sie durch Wälder und Dörfer, begegnet kleinen Jungs und einem Binnenschiffer, auf dessen Lastkahn sie mitfährt, einem Schriftsteller und einem notgeilen Fernfahrer mit einem Schweinetransporter. Und natürlich auf der Mülldeponie Tschick und Maik.

Dieses Buch unterscheidet sich sehr von „Tschick“, nicht nur, weil es unfertig ist. Zu den wenigen Dingen, die Isa aus der Anstalt mitgenommen hat, gehört ihr Tagebuch. Vielleicht lesen wir darin, Isa spricht durchgehend im Präsens. Man darf dieser Erzählerin aber nicht zu sehr vertrauen, nicht nur, weil sie dem Binnenschiffer lolitahaft weismachen will, sie sei 18 oder doch 17: „Wir könnten also was machen.“ Oder weil sie klaut. Sie behauptet auch, sich mit dem taubstummen Jungen zu unterhalten und notiert dessen Antworten. Sie flunkert, zum Beispiel die Geschichte vom treuen Schäferhund, der im Urlaub ausgesetzt wurde und die 3000 Kilometer heimläuft, wobei er sich allerdings seine Beine zu Stummeln abläuft. Sie hat Phantasien. Wurde ihr Vater, der Physiker, wirklich von einem Meteoriten erschlagen? Sie ist vielleicht irre.

Sie kennt sich auch in Bereichen aus, die 14-Jährigen einfach nicht zugänglich sind. Sie findet Männer mit Sextanten attraktiv. Sie schreibt von „Anosognosie“ (einem psychischen Defekt, krankhaftes Nichterkennen) und „überabzählbar“ (eine mathematische Kategorie, von Georg Cantor nachgewiesen) und behauptet, von Weierstraß gelernt zu haben, der ein Mathematiker des 19. Jahrhunderts war. Sie denkt über die Unendlichkeit nach und hält mit dem Daumennagel die Sonne am Himmel an. Diese Isa stammt nicht allein von dieser Welt. Wenn sie Pillen schluckt und von einem Pilz isst, nimmt sie Züge von Alice aus dem Wunderland an, und man ahnt, dass dem, was sie uns anschließend berichtet, nicht unbedingt zu trauen ist.

Herrndorf veränderte seine Figur, ließ sie Ausreißerin sein und projizierte eigene Gedanken und Gefühle auf sie. Isa stolpert geradezu über den Tod, mal über eine Computertasche mit der Nachricht: „Ich habe mich umgebracht“, mal über einen wirklichen Toten, einen Jäger, der neben seiner Beute liegt, einem Reh, und dem sie eine Pistole abnimmt, eine Heckler & Koch. Von Waffen versteht Isa auch erstaunlich viel. Wundert es, dass sie ihr „ganzes Leben darüber nachgedacht“ hat, „wie ich mich umbringen würde“? Es steckt verdammt viel von Herrndorf in dieser 14-Jährigen. Und doch ist dies kein Manifest des Selbstmords, sondern endet in einem eleganten Bekenntnis zum Leben: Isa feuert einen Schuss ab – und folgt dem Flug der Kugel in die Luft und wieder „millimetergenau zurück in den Lauf der Waffe“. Herrndorf bildete eben nicht einfach nur seine Befindlichkeit ab. Isas Geschichte spielt in mehreren Schichten zugleich, ist nicht ausdeutbar, sondern überabzählbar.

An diesem Buch findet man Widersprüche, Brüche, Sprunghaftigkeiten. Es ist eben unvollendet. Das gibt es schon bei Vorgängern wie Novalis, Büchner, Kafka und anderen. Es ist unfertig – und doch ein Abenteuer, das gefangen nimmt und berührt.

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt Verlag, Reinbek. 142 S., 16,95 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare