Bielefeld zeigt Kunst der 80er. Keith Haring und Co.

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Einen Kreislauf des Lebens zeigt Keith Haring in seinem Werk ohne Titel (1981), zu sehen in Bielefeld. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BIELEFELD–Einen wilden Tanz lässt Keith Haring auf der 3,66 Meter hohen gelben Plane abgehen. Menschen wirbeln umeinander, die der US-Künstler allein mit der Konturlinie schuf. Das Geschehen umfasst geradezu kosmisch das ganze Leben von Geburt bis zum Tod. Während auf der einen Seite eine Frau entbindet, wird unten ein Männlein von einem großen Hund verschlungen. In ein Loch im Zentrum tauchen Figuren ein – wie Turmspringer im Freibad oder fliegende Superhelden.

Keith Haring, geboren 1958 in Pennsylvania, gestorben 1990 an den Folgen einer HIV-Infektion, erlangte in den 80er Jahren Weltruhm als Graffiti-Künstler. Es war eine Epoche des Umbruchs in der Kunst. Die 70er waren geprägt von Künstlern des Engagements und des Minimalismus. Sie schufen Installationen und Videos, sie liebten es grau – so zumindest die herrschende Meinung. Etwas Neues war gefragt. Es kam nach 1980. Die Kunsthalle Bielefeld beleuchtet den Epochenumbruch mit dem Projekt „The 80s revisited“. Gleich zwei Ausstellungen gehören dazu, die aus der umfassendsten Privatsammlung zum Thema bestückt werden, der des Zürcher Galeristen Bruno Bischofberger. Die erste bringt rund 100 Arbeiten von 15 Künstlern nach Bielefeld und beleuchtet die Szenen in den USA, Deutschland und Italien.

Bischofberger kaufte von der ersten Stunde an die Werke der Künstler, die ab 1980 auf den Markt drängten. Sie verbanden die rebellische Pose des Pop mit Traditionsbewusstsein, das sie klassische Medien und Motive wiederentdecken ließ. Die Malerei kehrte zurück, die Figuration, die Subjektivität. Kunsthallen-Direktor Thomas Kellein strebt eine Revision an. Die Kunst jener Jahre sei als Phänomen des Kunstmarkts oder des Zeitgeists eingestuft, nicht aber ernsthaft betrachtet worden. Kellein sieht bei den Künstlern eine „lustvolle Appropriation“. Man sucht nicht mehr das „neue Werk“, sondern spielt mit dem Ideenvorrat der Kunstgeschichte und der Gegenwart und kommt zu einer „Kunst der zweiten Potenz“.

Die US-Künstler waren fast alle von der Pop-Art-Überfigur Andy Warhol beeinflusst. Haring zum Beispiel traf ihn, tauschte Bilder mit ihm, porträtierte sein Vorbild als affenartigen Akt. Dabei betont der Detailrealismus, mit dem der Penis dargestellt wurde, ebenso den sexuellen Charakter des Bilds wie die symbolschwer platzierte Banane. Haring arbeitete grafisch, weniger als Graffiti-Künstler, sondern als Zeichner mit klaren Linien. Man erkennt den Comic als Inspiration, auch ohne zu wissen, dass er sich auf Disney beruft.

Die Anlehnung an Comics sicherte vielen Künstlern Popularität. Kenny Scharfs Gemälde erscheinen wie abstrakt-surreale Kreationen aus einem Cartoon-Parallel-Universum. In Wirbeln aus gestischen Formen grinsen uns fröhlich-runde und quietschbunte Gesichter an. Das Duo David McDermott und Peter McGough schuf sich einen nostalgischen Anachronismus in Bildern, die zurückdatiert sind auf 1921 oder 1925, mit bunter Art-Deco-Ästhetik.

Auch in Deutschland entdeckten die Künstler die Farbe neu. Aber die „jungen Wilden“ arbeiteten rauer. Rainer Fetting knüpfte an den Expressionismus der „Brücke“ an. Seine „große Dusche“ und „Duschskizze“ entstanden in New York, wo er das „Soldatenbad“ von Kirchner gesehen hatte. Sein Bild „Drummer und Gitarrist“ (1979) versucht, die Einfachheit des Punk in kraftvolle Malgesten zu übersetzen. Salomé begann als Partner und Modell Fettings, ehe er Maler wurde. Auch seine lebensgroßen „Wild Boys“ (1980) feiern ein Körpergefühl, ein neues Ich-Bewusstsein.

In Köln formiert sich die Ateliergemeinschaft der „Mülheimer Freiheit“, die 1980 in der Galerie Paul Maenz „Interessante Bilder aus Deutschland“ zeigen, schnell gemalt, mit grober Pinselführung. Dokoupil ist eine der zentralen Figuren auch in Bischofbergers Sammlung, und er entpuppt sich als Chamäleon, malt im einen Moment eine angebissene, von einem orangenen Schnuller erhellte Birne vor Sternenhimmel, 1984, als die Frucht den Kanzler Kohl verspottete, dann einen „Goldenen unvollendeten doppelten Jesus“, der Warhol zitiert, ironisiert mit Rußbildern den Fotorealismus Gerhard Richters. Ein vom Beil gespaltener Totenschädel grinst aus einem Tod-und-Schöpfungs-Triptychon in Picasso-Manier. Dem Mann wäre ein Stil zu langweilig, also hat er Dutzende. Aber ihm gelingt ein Riesenrätsel wie der „Blick ins 21. Jahrhundert – ein bemalter, 5,50 m breiter Wandkörper, mit kleinen Nischen, in denen Kugeln liegen.

Ähnlich existenzielles Pathos erreicht die italienische „Transavanguardia“ zum Beispiel bei Enzo Cucchi, der 1983 aus Schwemmholz ein sechs Meter breites Materialbild arrangiert, in das er Totenköpfe malt. Cucchi zitiert im einen Moment Malewitsch, malt dann gestisch-rau oder klassizistisch. Mit Hauptwerken wie dem Fresko „Con i sentimenti insegna alla emozioni“ und einem Konvolut sehr körperbetonter Papierarbeiten ist eine weitere zentrale Figur der Transavanguardia vertreten, Francesco Clemente.

Das ist vielleicht das Seltsame an der Rückschau auf die 80er: Einerseits sind die Künstler erfüllt von einer Zitier- und Collagewut. Vieles ist Sekundärkunst. Zugleich erschließen die Bilder Gefühle, sie provozieren, schmeicheln, scheuen nicht den Kitsch. Kalt lassen sie nicht.

Die Schau

Populäre Künstler wie Keith Haring und der Versuch einer Neubewertung: The 80s Revisited in der Kunsthalle Bielefeld.

Bis 20.6., di - so 11 - 18, mi bis 21, sa 10 - 18 Uhr,

Tel. 0521/ 329 99 500

http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Katalog, DuMont Verlag, Köln, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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